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LET’S GET WILD

ERSTBEGEHUNG AGUJA GUILLAUMET

Simon Gietl und dem Bächli-Athleten Roger Schäli ist im alten Jahr in Patagonien eine tolle Erstbegehung Onsight,  ohne Verwendung von Bohrhaken und im Alpinstil,  an der Ostwand der 600m hohen Aguja Guillaumet gelungen.
Nachfolgend der Bericht der erfolgreichen Erstbegehung:

Nach 600m anspruchsvoller Kletterei durch uns alles unbekanntes Gelände standen Simon Gietl und ich ganz oben auf der Guillaumet! Besser kann eine Erstbegehung nicht mehr funktionieren. Oder sagen wir besser ein ganzer „Sechs-Wochen-Trip“.

Angefangen nämlich hat unsere Reise bis an diesen einzigartigen Moment auf der Guillaumet stehend, in den USA, im Bundesstaat Utah, im wahrscheinlich besten Rissklettergebiet der Welt, genannt Indian Creek.
Die dort sehr anspruchsvollen Risse dienten uns als Vorbereitung für unsere geplante Tour in den südlichen Anden. Denn die Idee war, während den oft sehr kurzen Schönwetterfenstern von Patagonien, sich schnell und wenn möglich in freier Kletterei fortbewegen zu können.
Während 14 oft schmerzvollen Rissklettertagen in Indian Creek, wo wir täglich Fortschritte machten, gab es zur Krönung ein unvergessliches Fest. Genannt „Creeks Giving“. Der Name kommt vom Wortspiel „ Thanks Giving“, welches in den USA wahrscheinlich das familiärste Fest des Jahres ist. So sozial und festlich verhalten sich auch die Kletterer aus Indian Creek. Während mehreren Stunden bereitet jeder Kletterer nach einem langen Klettertag unter dem eiskalten Sternenhimmel seinen schmackhaften süssen oder salzigen Beitrag vor, welcher dann um 21:00 Uhr zu einem gemeinsamen Riesenbuffet bei Lagerfeuer, genannt „Pottluck“ verzehrt wurde. Simon und ich trauten unseren Augen nicht, wie viele grillierte Truthähne da auf dem wackeligen Campingtisch versammelt waren. Bis in die frühen Morgenstunden wurde gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Als Erinnerung gab es eine Schablone mit der Schrift „ Let`s get wild“ Creeks Giving 2011“ welcher jeder der wollte auf seine T Shirt sprayen durfte.
Fit und mit vollem Magen und einem unvergesslichen Fest, starteten wir also optimal vorbereitet nach Argentinien.
El Chalten, heisst das kleine, jedoch immer populärer werdende Dorf am Fusse der unglaublich schönen Granitberge. Es dauerte nur wenige Minuten und ich fühlte mich hier wieder wie zu Hause und am richtigen Ort auf dieser Welt zu sein.
Voller Motivation starteten wir beim ersten Schönwetterfenster den langen Marsch zum Wandfuss der Guillaumet an, welcher zirka 6 Stunden dauerte. Simon startet intuitiv in die Wand, am richtigen Ort ein, wo ein toller Riss vom Bergschrund wegstartete. Als Motivationsspruch ruf ich ihm zu, komm wir versuchen es „Onsight“ welches der anspruchsvollste Kletterstil ist. ( Onsight = sturzfreies und freies Klettern, ohne jegliche Vorkenntnisse, ohne technische Hilfsmittel zur Fortbewegung zu benutzen.) Wie gesagt so getan und Simon setzte seine neu erworbene Rissklettertechnik von Indian Creek gleich in die Tat um. Gut wie immer war der beste Seilpartner, welcher man sich wünschen kann, drauf und nach kurzer Zeit, waren unsere beiden Halbseile aufgebraucht. Wir seilten an ihnen schnell ab und machten uns auf den halbstündig entfernten Biwakplatz am „Paso Superior“ wo wir biwakierten.
Am nächsten Morgen starteten wir früh und hatten uns zum Ziel gesetzt diese 600m hohe Ostwand der Guillaumet im „alpinen Stil“ und wenn möglich Onsight zu durchsteigen.
Diesmal war ich an der Reihe mit der Führerarbeit und ich kletterte zwei anspruchsvolle lange Seillängen über steile Granitplatten. Die Sonne war an diesem Tag stark und jedes noch so kleine Schnee- und Eisstück begann zu schmelzen und aus der Wand zu brechen, welches die Stimmung in der Wand etwas verschärfte. Dann in der siebten Seillänge stand ich vor einer schwierigen Entscheidung. Rechts oder links an dem eindrücklich steilen Pfeiler, welcher mit einem Risssystem durchzogen war? Magisch zog mich dieser exponierte Riss an, obwohl ich Respekt hatte und auch befürchten musste, dass wir eventuell auf dieser geplanten Route nicht mehr sturzfrei bis auf den Gipfel kommen könnten.  Doch das Motto: „Let`s get wild“ bestätigte sich bereits nach wenigen Klettermetern auf der eingeschlagenen Route. Es war genial in diesem Riss hoch zu Klettern! Ein so genannter „Super Crack“! Der Pfeiler wurde steiler und die Spannung stieg. Bis jetzt war alles in unserem Wunschstil erstbegangen worden und ich wollte die Erfolgsserie in den neuen Seillängen auf keinen Fall abbrechen. In der nächsten Länge führte der Riss spektakulär über ein kleines Dach und langsam war ich mit meinen Kletterfähigkeiten am Anschlag! Uff, dass ging nochmals gut. Und die gleich darauffolgende senkrechte Rissverschneidung, verlangte mir das Maximum ab, was ich an Kletterei in diesem jungfräulichen Gelände, mit der Erschwerung, während des Kletterns alles noch selber absichern zu müssen, fähig war. Happy, jedoch müde erreichte ich den nächsten Standplatz. Simon übernahm. Seine Seillänge führte unter einem exponierten Überhang durch einen horizontalen Riss nach links. Von hier führt nur ein Weg nach oben. Ein senkrechter kurzer Eisfall welcher nicht einladend wirkte. Mit nicht idealen Leichtsteigeisen, einem Steileispickel, einem ungeeigneten Allroundpickel und einer einzigen Eisschraube schaffte ich das „Grande Finale“ auch sturzfrei und Simon führte die ersehnte letzte Seillänge auf den Gipfel!
Überglücklich im letzten Abendlicht standen wir da oben auf der Aguja Guillaumet und wir realisierten, dass wir an diesem Tag alles genau auf den Punkt brachten, von dem wir geträumt haben und für welches wir hart trainiert haben. Onsight und im Alpinstil ohne einen einzigen Bohrhaken zu verwenden, eine so tolle Wand in Patagonien zu durchsteigen ist grossartig. Der einzige optische Schönheitsfehler unserer Erstbegehung, „ Let`s get Wild, 600m 7a / 90° Ice“ ist, dass der mächtige König und Nachbargipfel Fitz Roy mit seiner wuchtigen Dimension alles rund um ihn herum relativ klein aussehen lässt. Wenn unsere Erstbegehung am Fitz Roy wäre, dann wäre dies ein Meilenstein im Alpinismus. Jedoch was nicht ist, kann ja noch werden.

Text: Roger Schäli     El Chalten den 17. Dez. 11
Topo: Simon Gietl

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