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Tags: Wissen, Alpines Klettern, Reisebericht

Feldschijen - luftiger Granit

RALF GANTZHORN, 03.06.2018

Hans Berger ist ein weit gereister Alpinist. Er kennt die Berge der Welt, ist als Bergführer in allen Gebirgsgruppen der Alpen unterwegs. Und er war bis zum Ende des Sommers 2017 Hüttenwart auf der Salbithütte in den zentralen Urner Alpen. Logisch, dass er die beiden Traumlinien an seinem Hausberg, den Salbitschijn, liebt und lobt. Aber er weiss auch um die Beliebtheit insbesondere des Südgrates, den er selber als «Symphonie in Granit» in den höchsten Tönen lobt. Fragt man ihn nach einer Alternative, kommt die Antwort ohne zu zögern: «Klettert den Westgrat am Feldschijen!»

«Feldschijen – noch nie gehört!» – das dürfte wohl der häufigste Kommentar sein, wenn man Alpinisten nach dem Westgrat des Feldschijen fragt. Und auch ich hatte ja keine Ahnung. «Wo steht denn der Berg überhaupt?», war daher meine nächste Frage an Hans. Von der Terrasse seiner Hütte zeigt er auf ein relativ unscheinbares Ensemble von Granitfelsen auf der Südseite des Göscheneralpsees. Und dort soll eine dem Südgrat des Salbitschijns vergleichbare Tour zu finden sein?

SELEKTIVER ZUSTIEG
Zu viert machen wir uns auf, die Aussagen des Hüttenwarts zu überprüfen. Sonja und Simone als starke Frauen-Seilschaft, Alex und ich als männliches Pendant. Was sofort als Unterschied zum Salbit ins Auge fällt, beziehungsweise in die Waden fährt, ist der Zustieg. Satte 600 Höhenmeter wollen auf einem steilen Pfad überwunden werden, bevor man die Hand an den Fels legen darf. Ein Filter, der schon immer die Spreu vom Weizen trennte. So stehen wir dann auch nach zwei Stunden und einem schweisstreibenden Zustieg alleine im Blockfeld unterhalb des Grates. Wobei unsere Augen schon dabei sind, den Fels abzusuchen: Wo ist eine kletterbare Linie? Wie lässt sie sich absichern? Alex findet als Erster die drei Bohrhaken, welche die erste Seillänge absichern. Die Routenführung ist eindeutig. Spreizend und piazend klettert er hinauf zum ersten Stand direkt auf dem Grat. Das sieht vielversprechend aus!

Mit dem Erreichen der Gratschneide weicht der konzentrierte Blick der ersten Klettermeter erstmals der Weite der Umgebung. Das gesamte Panorama der zentralen Urner Alpen tut sich auf, eine Landschaft bestehend aus den Farben Weiss, Grün und Grau. Oder übersetzt: Eis, Gras und Granit. Eis von immer noch beeindruckenden Ausmassen ist am Dammastock zu finden, mit 3630 m der höchste Berg im weiten Rund. Seine Gletscher bzw. deren Schmelzwässer waren es, die vor rund 70 Jahren den Startschuss zur Errichtung des Göscheneralpsees gaben. Am Grund des türkisgrünen Sees des 1960 fertiggestellten Staudamms befinden sich noch heute der Kirchturm des ehemaligen Dorfes Göscheneralp. Seine Anwohner hatte man damals umgesiedelt in den Weiler Gwüest, oberhalb des heute für Kletterer so wichtigen Zeltplatzes.

Der gekonnte Einsatz von Keilen und Friends hilft Risiken und Nebenwirkungen des alpinen Kletterns überschaubar zu halten.

GRANIT – DIE URNER FELSBURGEN
Granit wiederum ist die Basis von allem in den Urner Alpen. Wer in der Schule aufgepasst hat, erinnert sich: «Feldspat, Quarz und Glimmer, vergess’ ich nimmer! » Granit ist sicherlich eines der am einfachsten aufgebauten Gesteine – aus mehr als den genannten drei Mineralien besteht Granit nicht. Generell und überall auf der Welt. Und woher kommen sie? Granit ist ein magmatisches Gestein, entstanden in den Tiefen unserer Erde. Vor vielen Millionen Jahren drang geschmolzenes Gestein in die Erdkruste ein und blieb während ihres Aufstiegs in Tiefen zwischen ca. vier und sechs Kilometern stecken. Dort hatte der heisse Gesteinsbrei, den man sich von der Form her ungefähr vorstellen muss wie einen in das umgebene Gestein eingelagerten Pilz, dann Zeit. Viel Zeit – um abzukühlen und grosse Kristalle zu bilden. Durch den Abkühlungsprozess schrumpfte auch der gesamte Gesteinskörper, es bildeten sich Schrumpfungsrisse, die – anders als man das z. B. vom Bodensatz einer Pfütze her kennt – im rechten Winkel zueinander stehen. Wenn man also den gesamten Gesteinskörper betrachtet, ist dieser durchzogen von senkrecht aufeinander stehenden Rissen, so als wäre dieser aus Quadern unterschiedlicher Grösse aufgebaut. Noch jedoch steckt das Gebilde tief in der Erdkruste. Und das wäre auch noch lange so geblieben, hätte nicht Afrika in seiner Kontinentalbewegung vor ca. 55 Millionen Jahren einen Nordschwenk vollzogen – auf Kollisionskurs mit Europa. Es bildeten sich die Alpen, und zuvor tief im Erdinnern geparkte Gesteine kamen durch Hebung und Erosion an die Oberfläche. Wasser konnte jetzt auch den Urner Granit angreifen und drang in die bereits von der Natur angelegten Schwachstellen des Gesteins ein – die senkrecht zueinander stehenden Risse bzw. Klüfte. Durch den sich ständig wiederholenden Zyklus des Gefrierens und Tauens sprengte sich das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes in den Fels hinein, die Gletscher der letzten Eiszeit räumten den entstandenen Schutt zu Tal. Übrig blieben die Zacken, Plattenfluchten und Grate der Urner Berge. Riesige Felsburgen, deren Mauern von parallel zueinander verlaufenden Rissen und Verschneidungen wie von einem surrealen Muster überprägt wirken. Wo der Fels überdeckt ist von ein wenig Erdkrumen, gedeiht üppiges Gras, dessen intensives Grün in wohltuender Harmonie zum Grau des Granits steht.

EINE PERFEKTE LINIE
«Stand!» ruft Alex und ich weiss, dass die nächsten 30 oder 40 Meter Klettergenuss folgen werden. Denn der Grat ist gerade in den unteren Seillängen der pure Genuss, nie schwerer als der obere V. Grad zieht er sich gen Himmel. Nach einigen etwas flacheren Metern, bei denen man seinen Gleichgewichtssinn tänzelnd auf der Gratschneide überprüfen kann, folgt eine Seillänge, für die allein sich die gesamte Route lohnt: die Nummer 9! Fantastisch ausgesetzt piazt man hier eine senkrecht gestellte Platte hinauf, bestens abgesichert mit einigen Bohrhaken. Nur an einer Stelle weicht man für wenige Meter auf die Platte aus, ansonsten klettert man immer direkt an der nur wenige Zentimeter schmalen Kante. Ein Traum aus Granit, noch schöner und eleganter geht Klettern eigentlich nicht. Wobei – auch die Schlüsselstelle der gesamten Tour in der 13. Seillänge ist, wenn man nicht in die Haken greift, eine sich tief in die Erinnerung eingrabende Einzelstelle. Nicht ganz so luftig wie die Piazschuppe, dafür aber steil und überhängend, führt die Route durch ein schmales Dach, das von unten gesehen erst einmal unkletterbar aussieht. Aber, wie bereits ein alter Kletterfreund sagte: «Es löst sich alles auf». Griffe und Struktur bieten deutlich mehr Reibung und Halt, als es zunächst den Anschein hat.

Gipfelblock und Gipfelglück im Regen. Von links: Sonja Schade, Alex Wick und Simone Bürgeler.

Nach rund vier Stunden erreichen wir alle den Gipfelblock, tragen uns in das exklusive Gipfelbuch ein. Die Feuchte des einsetzenden Regens kann uns die gute Laune nicht aus dem Gesicht nehmen: Die Route ist ein Traum. Gegenüber stehen die Granitfluchten des Salbitschijns, wunderbar einzusehen. Wir sind zu weit weg, um Menschen zu erkennen, aber es fällt nicht schwer, sich das Gedränge am Stand oder das Seilchaos bei so manchem Überholmanöver vorzustellen. Wer eine lohnenswerte Alternative sucht, sollte auf Hans Berger hören: «Klettert den Westgrat am Feldschijen!»

Anreise
Mit der Bahn bis Göschenen. Vom Bahnhof in Göschenen fährt ein Bus bis hinauf zum Göscheneralpsee.

Beste Zeit
Sobald die Sonne den Schnee vertrieben hat: Juni bis September.

Führer

  • Toni Fullin, Andi Banholzer, SAC-Führer Urner Alpen Bd. 2, SAC-Verlag 2010 
  • Jürg von Känel, Schweiz plaisir Ost, Edition Filidor (Nachdruck 2012)

Karten
Landeskarte der Schweiz, 1:25.000, Blatt 1231 Urseren

Information
Andermatt-Urserntal Tourismus GmbH
Gotthardstrasse 2
Postfach 247
6490 Andermatt
Tel: +41 41 8887100
www.andermatt.ch

Bergführer (unter anderen)
Hans Berger
Gotthardstrasse 31a
6490 Andermatt
Tel: +41 41 8870060
www.salbit.ch

Oder auch bei unserer Partner-Bergschule: www.bergpunkt.ch

Hütten

  • Salbithütte, 2105 m, 3,5 Std. vom Bahnhof in Göschenen über «Regliberg», bewirtschaftet von Mitte Juni bis Mitte Oktober, 60 Lager, Tel: +41/(0)41/8851431, www.salbit.ch
  • Voralphütte, 2126 m, 5 Std. von der Salbithütte (oder 2,5 Std. von der Bussstation in der Voralpkurve), bewirtschaftet von Mitte Juni bis Ende September, 40 Lager, Tel: +41/(0)41 887 04 20, www.voralphuette.ch

Touren

  • Salbitschijn – Südgrat (2981 m), Überschreitung über Takala (8 SL, VI+ (6- obl.)) und Südgrat (12 SL, VI+ (VI- obl.)), 1,0 h Zustieg, 5 - 7 Std. für den Grat und 2 Std. Abstieg. 
  • Salbitschijn - Westgrat (2981 m), Überschreitung über Westgrat (32 SL, VII A1 (VI+ obl.)), 12 - 16 Std. für den Grat, 2 Std. Abstieg. Der «Rolls Royce“ unter den Granitgraten». 
  • Feldschijn – Turm III (2828 m), Westgrat (15 SL, VII (VI+ obl.)), 2,5 Std. Zustieg, 4 Std. Gratkletterei, 2 – 3 Std. Abstieg. Luftige Alternative zum Südgrat mit einigen grandiosen Piazeinlagen. Die Schlüsselstelle (Überhang) kann auch mit Hakenhilfe überwunden werden.

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