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Tags: Alpines Klettern, Eisklettern, Expedition, Klettern, Wissen

Was bringen 5 Minuten?

ANDREAS HASLAUER, 21.03.2018

Sie sind erst 25 Jahre alt, gelten aber heute schon als ein sehr erfolgreicher Alpinist. In welche Fussstapfen möchten Sie treten?
Wollen Sie ein Gipfelsammler wie Reinhold Messner, ein Adrenalin-Junkie wie Alex Honnold oder ein Gletscherfloh wie Kilian Jornet werden? Ich möchte einfach bei dem, was ich in den Berge so mache, Spass haben. Eine Schublade, in der man mich reinstecken könnte, gibt es nicht. Zum Glück. Und das ist gut so. Spass haben steht wirklich über allem. Wirklich über allem. Glücklich sein, schöne Momente dort oben zu erleben, über den Dingen zu stehen. Das ist es, was mich zufriedenstellt.

Und was passiert, wenn Sie mal ein paar Tage nicht in den Bergen sein können?
Der österreichische Liedermacher Hubert von Goisern hat das mal ganz treffend formuliert, finde ich. Er hat gesagt, dass er flache Landschaften als «bedrohlich» empfindet. Der Sänger sucht deshalb für seine Texte die Stille der Berge. Ohne sie wird er depressiv. Mir geht es ganz genauso. Ich mag überhaupt keine touristisch überfüllten Routen und Wanderwege. Die Ruhe, das Einsame, die Abgeschiedenheit. Das mag ich hingegen sehr.

Für den Extremsportler Axel Naglich bedeuten Berge Abenteuer und Freiheit. Fernab der Zivilisation würden andere, ursprünglichere Dinge als im Tal zählen, wo die Dinge heutzutage sehr komplex seien.
Die einfachen Dinge stehen für ein unbeschwertes Leben, nicht die komplexen und schwierigen. Ich sage Ihnen auch warum: Egal, ob ich den «Pargätzi-Pfeiler» am Scheideggwetterhorn hier in meiner Heimat hochkraxele, die Erstbesteigung des «Deadmen Peak» in China mache oder ob ich mit meiner Freundin Tanja auf den Gantrisch gehe: Wenn ich vom Berg runterkomme, fühle ich mich immer besser, als ich hochgegangen bin. Das ist so. Immer.

Was haben Sie 2018 genau vor?
Gerade drehen wir einen Eiskletter- Film für die European Outdoor Film Tour (EOFT). Im Wesentlichen – und das ist mein Plan für die Zukunft – will ich jedes Jahr ein oder zwei grosse Expeditionen in Pakistan oder Nepal unternehmen und technisch schwierige Wände wie die Nordostwand des K7 oder die Nordwand des Xuelian West hochgehen. Sie ziehen mich magisch an, sie will ich erklimmen. Ich habe aber keine Bucket List mit 100 Gipfeln oder so, auf die ich unbedingt hoch muss. Das nicht. Dennoch habe ich für 2018 ein grosses Ziel.

Und das wäre?
Am 19. Juni 2017 stieg ich ja bereits über die Gipfel von Jungfrau, Mönch und Eiger. Diese Trilogie schaffte ich in der Rekordzeit 11 Stunden und 43 Minuten. Nun will ich die Sache in diesem Frühjahr noch einmal steigern. Ich will auf jeden Gipfel hoch und mit dem Gleitschirm hinunter. Also Eiger hoch, mit dem Gleitschirm runter. Mönch hoch, mit dem Gleitschirm runtersegeln. Jungfrau hoch und runter. Unter dem Strich: drei Nordwände, drei Flüge, ein Ziel.

Das klingt sehr ambitioniert. Wie lange würde ein normaler Bergsteiger für so ein Unterfangen benötigen?
Oh, das weiss ich nicht. Bestimmt aber fünf, sechs Tage.

Und Sie?
Ich denke mal unter 20 Stunden werde ich schon schaffen.

Welcher von den dreien ist am schwierigsten?
Kein Berg, keine Wand und keine Passage sind mit einer anderen vergleichbar. Jeder Berg ist einzigartig.

Und einzigartig gefährlich. Wenn Sie an der Eigernordwand auch nur einmal ausrutschen, ist es vorbei.
Deswegen versuche ich ja stets, nie so lange oben zu bleiben. Schnell rauf und schnell runter. Das mindert die Gefahr.

 

Das sagen Sie. Hans Kammerlander, erst 61 Jahre alt, sagt, ihm seien nur Daniel Wellig, Konrad Auer und Reinhold Messner geblieben. Alle anderen seiner Bergkameraden leben nicht mehr.
Bei uns gibt es wirklich, wie er sagt, keine Fangnetze wie bei Skirennen, keine Reifenstapel wie in der Formel 1. Das ist mir alles bewusst. Ich selbst habe ja schon zwei enge Freunde verloren. Einen aus Holland, einen hier aus Bern. Bei mir muss deswegen ja alles schnell gehen. Je kürzer ich dort oben bin, desto geringer ist die Gefahr, dort oben umzukommen. Wenn ich also in der Früh die Nordwand besteige, dann bin ich nachmittags zum Zvieri wieder zu Hause.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie tot sind, wenn Sie runterfallen …
… nicht aber, wenn ich gesichert bin. Bei der Speed-Begehung mit Ueli Steck waren wir beide mit einem 30 Meter langen Seil verbunden.

Sie waren aber nicht immer eingehakt.
Nur auf den Schneepassagen und einfachen Strecken nicht. Ansonsten schon. Wenn der «Vorsteiger», in dem Fall war es Ueli, gefallen wäre, wäre nichts passiert. Zumindest nicht tödlich. Eine Garantie gibt es dort oben sowieso nicht. Es kann ja immer noch sein, dass der Haken rausbricht, wenn gleichzeitig zwei Leute in die Tiefe stürzen. Deswegen mache ich so etwas ja nicht jeden Tag. Das wäre für meine Psyche zu viel.

Zu Ihrem Seilpartner brauchen Sie aber ein Gottvertrauen.
Ueli und ich kannten uns ja auch schon jahrelang. Wir haben zusammen trainiert, waren sehr gut befreundet. Aus diesem Grund gibt es ja nur einen weiteren Menschen auf dieser Welt, dem ich mein Leben in so einer Wand anvertrauen würde. Und das ist Jonas Schild. Reinhold Messner hat es in einem Interview ja mal richtig gesagt: «Wir gehen dorthin, wo man umkommen könnte, um nicht umzukommen. » Wenn ich beim Bergsteigen nicht umkommen könnte, wäre es nur ein Sport, ein Spiel. Und genau das ist es nicht.

Viele halten Sie trotzdem für verrückt.
Das kann ich verstehen, wenn man die Bilder sieht. Das soll nicht arrogant klingen, aber wenn ich die Nordwand hochsteige, werden meine bergsteigerischen Fähigkeiten gar nicht so stark gefordert. Für die Wand muss ich nicht mal 50 Prozent meines Könnens abrufen. Das heisst aber nicht, dass ich mit einem Ruhepuls von 48 da hochsteige.

Was haben Sie denn für einen Puls bei der Durchsteigung?
Mein Puls war bei der Rekordbesteigung deutlich höher als der von Ueli. Das lag daran, dass ich als zweiter Mann immer zu ihm aufschliessen musste. Er konnte sein Tempo gehen, ich musste die Lücke stets schliessen, damit das Seil immer unter Spannung stand. Ueli kam auf einen Maximalpuls von 160, ich hatte 185. Gestresst oder unwohl habe ich mich nie gefühlt, nicht eine Sekunde.

Was hatten Sie an Verpflegung dabei?
Einen halben Liter Wasser und einen Power-Riegel.

Sie studieren Maschinenbau, wohnen noch zu Hause. Was sagen Sie beim Frühstück Ihrer Mutter? «Du, Mami, ich gehe nach dem Frühstück mal schnell durch die Nordwand».
Ich kann Ihnen sagen: Wir hatten da schon ein paar Diskussionen zu Hause. Zuerst wollte meine Mutter das ja alles nicht, partout nicht. Dann musste ich so ein bisschen schummeln. Eines Tages habe ich zu ihr gesagt: «Du, wir gehen mal nur so zum Einstieg des Eigers, schauen uns da mal so ein bisschen um.» Sie wusste ganz genau, dass wir in die Wand einsteigen werden. Deswegen ist sie auch heilfroh, dass nur einer von uns klettert. Mein Bruder ist Koch im Hotel Giardino Mountain in St. Moritz und hat zum Bergsteigen gar keine Zeit.

Wann haben Sie die Liebe zu den Bergen entdeckt?
Mit 13. Ich war ein paar Wochen lang in den Ferien in La Fouly im Walliser Val Ferret, um Französisch zu lernen. Nachmittags haben wir dort immer Fussball gespielt oder waren mit dem Mountainbike unterwegs. Dann haben wir eines Tages eine Zweitagestour gemacht. Seitdem bin ich regelrecht von den Bergen infiziert, seitdem kann ich nicht mehr ohne sie.

Mit «Beta Rocker», «Elementarteilchen » (je M8, WI6) und «Flying Circus» (M10) konnte Hojac drei Schweizer Mixed-Hämmer in exzellentem Stil (onsight bzw. flash) klettern.

Zum 14. Geburtstag wollen Jugendliche eine Playstation oder ein neues Bike. Sie haben sich einen Viertausender gewünscht.
Meine Eltern erfüllten mir den Wunsch und ich durfte zusammen mit einem Bergführer auf das Lagginhorn in den Walliser Alpen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich mich das machte. Und so ging es dann weiter. Mit 18 Jahren stieg ich das erste Mal durch die Eigernordwand, dann folgten Matterhorn und Grandes Jorasses Nordwand und und und.

Wie oft sind Sie mittlerweile durch die Eigernordwand gestiegen?
Boah, keine Ahnung. Vielleicht zwölf oder 13 Mal. Ich weiss es nicht.

Ihr Motto lautet: «Nur ein alter Alpinist ist auch ein guter Alpinist.» Ueli Steck, Ihr langjähriger Seilpartner, hat das nicht geschafft. Mit gerade einmal 40 Jahren verunglückte er vor einem Jahr bei einer Trainingstour vom Lager II des Mount Everest auf den Nuptse tödlich.
Ich verstehe das Unglück bis heute nicht. Immer wieder will ich mein Telefon in die Hand nehmen und ihn anrufen. Daran hat sich seit dem 30. April 2017 nichts geändert. Immer und immer wieder will ich ihm eine WhatsApp schreiben. Wahrscheinlich habe ich seinen Tod bis heute noch nicht richtig verarbeitet.

Haben Sie Ihre Speed-Begehungen nach dem Tod Stecks überhaupt mal hinterfragt?
Warum mache ich das? Macht das wirklich Sinn? Wem hilft das, wenn ich fünf Minuten schneller als jemand anderes dort oben auf einem Gipfel stehe? Diese Fragen habe ich mir nach Uelis Tod des Öfteren gestellt. Heute nicht mehr. Ich weiss, wofür ich seit dem 14. Lebensjahr brenne. Ich brenne für das Bergsteigen. Das ist ja nicht nur ein Hobby von mir, das ist mein Leben.

Was war Ueli Steck für Sie?
Einer meiner besten Freunde und ein absolutes Vorbild. Wie für viele andere auch. 2004 kletterte er den Excalibur-Pfeiler an den Wendenstöcken ohne Seil hoch. Das war absolut einzigartig, das hat noch niemand gemacht. Ueli war ein Pionier. «Alleine da hoch zu steigen ist schon etwas ganz anderes.»

War Bergsteigen bis dahin eine schwerfällige Sache mit viel logistischem Aufwand, so bekam es durch Ueli Steck ein neues Gesicht, schrieb der Journalist Dominik Osswald. Bergsteigen funktioniere auch leicht und schnell, das Material auf ein Minimum reduziert.
Genau das habe ich von ihm gelernt, sich wie eine Gams in den Bergen zu bewegen. Kein Mensch ist mit Steigeisen die Berge hochgerannt – bis Ueli kam. Er hatte ja keine Zeit. Ich weiss noch ganz genau, als wir unseren Rekord bei der Eigernordwand aufstellten. Er sagte zu mir davor: «Nicolas, wir dürfen heute keine Zeit lassen, ich habe um 18 Uhr in Münsingen einen Termin.» Er meinte es wirklich ernst.

Bleibt nur noch eine Frage: Wann egalisieren Sie den Free-Solo- Rekord von Ueli Steck am Eiger?
Alleine da hoch zu steigen ist schon etwas ganz anderes. Wenn ich weiss, dass mir niemand da oben helfen kann, dann ist das dann schon eine unfassbar starke psychische Belastung.

Wann sind Sie so weit?
Ich weiss es nicht. Das Einzige, was ich weiss, ist, dass ich noch mehr Risiko als Ueli eingehen müsste, um den Rekord zu brechen. Momentan ist mir das Risiko aber einfach zu hoch. Warum also? Es kann also gut sein, dass ich die Form, die Ueli hatte, vielleicht niemals erreichen werde. Und dann macht es keinen Sinn.

An was hapert es noch?
Ich kenne die Route nicht so gut wie Ueli. Vielleicht kommt einmal der Tag, an dem ich sage: «So, heute ist es so weit, heute gehe ich so schnell durch die Wand, wie es noch nie zuvor jemand geschafft hat.» Aus heutiger Sicht erkenne ich aber den Nutzen für mich nicht. Zumindest noch nicht. Entweder, ich renne da hoch wie ein Bekloppter und bringe mich dadurch in Lebensgefahr – im schlimmsten Fall sogar um. Oder ich schaffe den Rekord und stehe in ein paar Tageszeitungen. Bringt mich beides nicht unbedingt weiter. Ich bin auf der Suche nach neuen Projekten und neuen Bergen, die ich für mich und niemand anderen bezwingen will. Genügend Zeit habe ich ja, bin ja erst 25. Und diese Zeit werde ich für meine Herzensangelegenheiten nutzen. Gibt es schönere Perspektiven? Ich glaube nicht …

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