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Berge wie Birchermüesli – 3 spektakuläre Touren rund um Bergün

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Iris Kürschner, Donnerstag, 22. Oktober 2026

Bunte Gesteine, geschichtsträchtige Bergseen und wilde Gipfel: Das Albulatal rund um Bergün überrascht mit faszinierender Naturvielfalt. Entdecke drei abwechslungsreiche Wandertouren im Parc Ela – von der aussichtsreichen Eingehtour am Piz Darlux über ein mehrtägiges Trekking rund um den Piz Ela bis hin zur einfachen Gratkletterei am Piz Blaisun.

Ob Nietzsche auch schon Birchermüesli ass? Oder zumindest eine Version davon? Als Zeitgenosse könnte ihm das Birchermüesli, das Anfang des 20. Jahrhunderts von Dr. Max Bircher-Benner, Gründer eines Sanatoriums am Züriberg, erfunden wurde, durchaus geläufig gewesen sein. Die Speise aus Cerealien und Obst gilt längst als bester Kraftspender in den Tag – und der Begriff ist selbst Reisenden aus Übersee bekannt. Während diese Bergün in der Regel nur als Zwischenstation ins gelobte Engadin wahrnehmen, stieg Nietzsche dort längere Zeit ab. 

Der Philosoph entfloh der Basler Hitze im Sommer 1874. In einem Brief an seine Schwester schwärmt er: «Die Gegend ist unmässig schön und grossartiger als Flims. Nur vermissen wir das Bad: zwar haben wir ein paar Stunden höher einen See, auch schwammen wir neulich drin herum, doch war es so kalt, dass ich roth wie ein Krebs herauskam...» Gemeint ist der Lai da Palpuogna, der mit seiner zauberhaften Farbe zum Bade verführt. Er liegt am Weg zum Albulapass und dem Piz Blaisun, die anspruchsvollste Tour unserer Trilogie, die wir uns von Bergün aus vorgenommen haben. Zunächst soll es auf den Piz Darlux und die Tschimas da Tisch gehen, eine ideale Eingehtour, dann auf einem Zwei-Tage-Trek mit Selbstversorgerhütte rund um den Piz Ela, das wilde Herz des Parc Ela – grösster Naturpark der Schweiz, zu dem auch das Albulatal mit Bergün zählt. Zuletzt die leichte Gratkletterei am Piz Blaisun als Krönung.

Letzte Runde: Bevor der Winter kommt, geht es noch einmal über die Höhenterrasse der Laiets-Seen zur Fuorcla da Tschitta.
 

Tischlein deck dich

Wie Nietzsche quartieren wir uns im Hotel Ela ein. Das älteste Hotel von Bergün strahlt den Charme der Belle Époque aus. Ein ehemaliger Palazzo und dereinst wichtige Postkutschenstation an der Strecke ins Engadin. Die meisten blieben nur, um die Pferde zu wechseln, erzählt uns der Wirt. Es gab keinen Bad- oder Kurbetrieb, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der betuchten Kundschaft gefragt. Dann aber übernahm ein mutiger Unternehmer, liess mit der Eröffnung der neuen Eisenbahn 1903 das Hotel Kurhaus bauen und das Piz Ela diente als Dependance. Viel historische Substanz ist in beiden Unterkünften erhalten geblieben. Wir schlummern selig hinter dicken Mauern und frühstücken im Spiegelsaal.

Der Piz Darlux bietet – leicht erreichbar und dennoch ohne grossen Andrang – quasi eine De-luxe-Gratwanderung bis zur Tschimas da Tisch. Reich gedeckt mit fantastischer Schau in wilde Hochtäler und zu imposanten Gipfeln, darunter der Piz Kesch, höchster Berg der Albula-Alpen, und der Piz Ela, die beide zu den Bergüner Stöcken zählen.

Die bequeme Auffahrt mit dem Sessellift, ein Restaurant an der Bergstation sowie der moderate Zustieg machen diese Tour auch für Familien interessant. Jetzt im Herbst ist gar nichts los und spätestens Ende Oktober steht der Sessellift still und der Aufstieg würde anderthalb Stunden zusätzlich aufgebrummt bekommen, was viele abschreckt.

Wie ein Flügel sieht er nicht gerade aus, dieser wuchtige Koloss, den man Piz Ela nennt. Ela heisst auf Rätoromanisch Flügel. Tgamons, wie «Tschamons» ausgesprochen, nennt man die Heuhütten. An einer lehnen wir gerade und lassen genüsslich den Blick schweifen. Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte es ja vielleicht doch ein Adler sein, der die Flügel ausbreitet?

Perfektes Basislager für Herbsttouren: der malerische Ortskern von Bergün
 

Beflügelt auf Tour

Ein Gipfel schöner als der andere. Tatsächlich zählt der Kanton Graubünden die meisten Matterhorn-Zwillinge. Gleich neben dem wuchtigen Piz Ela reckt sich das Tinzenhorn, auf Romanisch Corn da Tinizong, elegant in den Himmel. Das Matterhorn stellt für viele die Urform eines Berges dar. Auch das Tinzenhorn zeigt das Schönheitsideal von gleichmässig abgetragenen Graten, die eine Pyramide bilden. 

So nimmt es kaum Wunder, dass einer der Erstbesteiger, kein Geringerer als der berühmte Alpenpionier Douglas William Freshfield, ausrief: «C'est un petit Matterhorn.» Gleich zwei Seilschaften eroberten den Berg am 7. August 1866: Douglas William Freshfield mit dem Führer François Devouassoud und der Glarner Emil Hauser mit den Führern Peter Jenny und Alex Flury aus Pontresina. Jenny und Flury hatten im Sommer zuvor am 17. Juli 1865 schon den Piz Ela erstbestiegen – übrigens drei Tage nachdem die erste Seilschaft auf dem Matterhorn stand.

Bei unserer nächsten Tour rund um den Piz Ela kommen wir auch dem Tinzenhorn ganz nah und nehmen, wie die Seilschaften damals, den Fusspfad von Bergün über den Bergrücken Uglix. Bis heute der schönste Zustieg zur Elahütte, die den Erstbesteigern noch nicht zur Verfügung stand. Sie wurde erst 1879 erbaut, versetzt aber nach wie vor zurück in Pionierzeiten. 

Wir richten uns für eine Nacht ein in der winzigen Selbstversorgerhütte, die sich unterm Tinzenhorn in den Hang schmiegt. Käsefondue steckt mit im Rucksack. Das notwendige Geschirr für dieses Nationalgericht fehlt in keiner Schweizer Hütte. Holz steht zum Einheizen parat. Schon bald bullert der Herd, zieht der schwere Duft von rezentem Käse und Wein durch die Holzstube, werden Brotstücke eingetaucht, während ein paar gefundene Kerzenreste für stimmige Beleuchtung sorgen. Später ein paar Schritte nach draussen, um das Sternenmeer am Firmament zu bestaunen. So fühlen wir uns wie die Pioniere, ohne ganz auf Komfort zu verzichten – und ausserhalb der Saison sind wir ohnehin ganz allein unterwegs.

Die kleine Ela-Hütte für Selbstversorger erinnert von innen wie von aussen an Pionierzeiten.

Der nächste Morgen meldet sich rosa an. Nicht etwa, dass wir zu tief ins Glas geschaut hätten – im Gegensatz zu den Erstbesteigern, die mit vier Flaschen gutem Veltliner ihren Durst löschten –, doch die Landschaft wirkt, als hätte man eine rosa Brille auf. Der Zauber dauert nur wenige Minuten. Dann kriecht die Sonne das Tinzenhorn hinunter und legt eine Gesteinswüste zum Staunen in grelles Licht. Bizarre Felsgebilde lenken den Blick zum Orgelspass. Gesteinsschichten bilden am Berg ein Muster, als sei er ein Rührkuchen. «Wie ein Birchermüesli durcheinandergemischt», so beschreibt der Fotograf Peter Donatsch die Gesteinsvielfalt, die im Parc Ela ihren Höhepunkt um Tinzenhorn und Piz Ela finden. 

Tatsächlich fühlt man sich in die Dolomiten versetzt. Die Bergünerstöcke bestehen zu grossen Teilen aus Dolomit. Mal leuchtet dieser grau, mal gelblich-rötlich-braun, mal fast weiss oder fast schwarz. Dazwischen mischen sich andere Gesteine wie Kalk, Gips, Basalt, Brekzien... Ein Trümmerhaufen und doch ein Kunstwerk, verwittert zu kantigen, bizarren Formen, die das Auge begeistern.

Das Tinzenhorn bald im Rücken steuern wir den vis-à-vis liegenden Elapass an. Jenseits glitzern zwischen den Moränen ehemaliger Gletscher türkisblaue Tümpel: die Laiets, wo unser Wanderpfad durchfädelt. Nach einem letzten Gegenanstieg zur Fuorcla da Tschitta kann der Blick vom Tödi über das Berninamassiv bis zum Ortler schweifen. Und da liegt schon der Piz Blaisun, unser nächstes Tourenziel, das sich nah und imposant neben dem Piz Üertsch ins Bild drängt.

Schiefe Schichten

Gipfel der steilen Grashalden, auf romanisch Blais, bedeutet sein Name. Als wir am nächsten Morgen am Albulapass aus dem Postauto steigen und hinaufschauen, wirkt er für uns eher wie ein Schutthaufen. Auf halber Strecke geht das Grün in Schutthalden über, die den Piz Blaisun in eine imposante Schieferpyramide verwandeln. Ob das mal gut geht? Noch wirkt alles leicht, als wir dem Wanderweg Richtung Chamanna d’Es-cha folgen. Es geht nordöstlich gemächlich ansteigend über die Wiesen der Alps d’Alvra zur Fuorcla Gualdauna. Dort verlassen wir den markierten Wanderweg und steigen weglos steil den Grashang hinauf in den Schieferschutt am Beginn des Ostkammes. Aber überraschend gut begehbar zeigt sich der Ostgrat des Piz Blaisun. Manche Passagen als flacher Spaziergang, dann wieder die eine oder andere spannende Kletterpartie. Problemlos, wenn man seinen Schritt sorgfältig setzt. 

Oben am Gipfel dann sehen wir, dass der Piz Blaisun mit seinem etwas höheren Nachbargipfel Piz Üertsch einen mehrere Kilometer langen Kamm nördlich über der Albulapassstrasse bildet, während er sich über seinen Nordgrat mit dem Piz Kesch verbindet. Somit stehen wir hier auf der Rhein-Donau-Wasserscheide. Faszinierend bei der Tour ist nicht nur der Fernblick in die umliegende Gipfelwelt, zum vergletscherten Berninamassiv und zur Ortlergruppe, sondern auch wieder der Nahblick in die Geologie des Berges, die verschiedenen Gesteinsschichten der sogenannten Ela-Decke. Man passiert skurrile Felsformationen und Gesteinsansammlungen. Mitunter klirren unsere Schritte unter dickem Schieferbrösel, den einige Vorgänger nutzten, um Skulpturen und originelle Steinmännchen zu bauen. Aus dem «Birchermüesli» wird hier ein Lego- oder Mikado-Spiel.


Weitere Informationen und Touren

Anreise
Mit dem Zug bis Chur und umsteigen in die Albulabahn, eine der spektakulärsten Schmalspurbahnen der Welt, mit 55 Brücken und 39 Tunneln ein Paradebeispiel höchster Ingenieurskunst und 2008 von der Unesco in die Welterbeliste aufgenommen.

Tipp 
Am Bahnhof von Bergün lohnt sich ein Besuch des Bahnmuseums. Locker lässt sich darin ein Tag verbringen, ideal bei Regenwetter. Es bietet einen umfassenden historischen Einblick in die Unesco Bahnstrecke: bahnmuseum-albula.ch. 

Unterkünfte

  • Elahütte/Chamonas d'Ela, Selbstversorgerhütte, an den Wochenenden bewartet, aber ohne HP, Getränke vorhanden, Hüttenwart Reto Bachmann, Tel. +41 78 878 98 41, sac-davos.ch
  • Hotel Piz Ela in Bergün, Tel. +41 81 407 23 23, pizela.ch
  • Kurhaus Bergün mit sehr schönem Spa-Bereich, Tel. +41 81 407 22 22, kurhausberguen.ch 

Karte
Swisstopo 1: 50 000, Blatt 258 T Bergün 

Literatur
Parc Ela, Peter Donatsch, Appenzeller Verlag 2007. Parc Ela, ott verlag 2009. Gratwandern Südschweiz, Iris Kürschner und Bernd Jung, Bergverlag Rother 2024 
 

Tourentipp 1: Piz Darlux und Tschimas da Tisch, 2872 m

Wanderung, T3
Dauer: 5.30 Std.
1215 Hm im Auf- und Abstieg 

Talort: Bahnhof Bergün, 1380 m, an der Albulabahnstrecke
Ausgangspunkt: Bergstation Darlux, 1974 m Route: Eine ausführliche Wegbeschreibung findet sich im Buch «Gratwandern Südschweiz» von Bernd Jung und Iris Kürschner, Bergverlag Rother. 
 

Tourentipp 2: Rund um den Piz Ela

Wanderung, T3 
Dauer: 2 Tage (9.15 Std.)
1895 Hm im Aufstieg, 1476 Hm im Abstieg 

Ausgangspunkt: Bahnhof Bergün, 1380 m, an der Albulabahnstrecke Endpunkt: Bahnhof Preda, 1789 m, an der Albulabahnstrecke Route: Diese abwechslungsreiche 2-Tage-Tour startet am Bahnhof Bergün. Man folgt den Wanderschildern ins Dorf hinunter und durch die hübsche Hauptgasse. Beim Hotel Piz Ela biegt man rechts ab. Es geht an der Schreinerei Florinett (spezialisiert auf Mondholz) vorbei und auf dem Holzweg (Lehrpfad) bergwärts. Recht steil zum Bergrücken Uglix, dann gemächlich absteigend zur Ela-Hütte, 2252 m. Durch das Tälchen zwischen Piz Ela und Tinzenhorn steigt man in den Pass d'Ela und dann hinunter zu den Laiets. An den Seen vorbei geht es südöstlich zur Fuorcla da Tschitta, 2831 m. Durch steile Schutthalden in ein verwunschenes Hochtal, später durch den duftenden Arvenwald des Val Mulix ins Albulatal. Beim Weiler Naz folgt man rechts dem Bach entlang zum Bahnhof von Preda. Unterwegs kann man seine Trinkflasche mit eisenhaltigem Heilwasser auffüllen.
 

Tourentipp 3: Piz Blaisun

Bergtour T4+
Dauer: 5.30 Std.
980 Hm im Auf- und Abstieg 

Zustieg zur Fuorcla Gualdauna T2. Danach zunehmend anspruchsvoller, doch weitgehend Gehgelände. Teilweise Wegspuren und Steinmännchen. Im Gipfelbereich müssen einige Felsen im I. Schwierigkeitsgrad überklettert werden, doch kompakt und griffig. Abstieg über den Südgrat sehr steil, zuletzt über Grasmatten, die bei Nässe rutschig sind. Ausgangs- und Endpunkt: Punt Granda, 2255 m, oder Parkplatz Es-cha an der Albulapassstrasse ca. 2,5 km östlich der Passhöhe. Der Bus Alpin bedient täglich die Strecke Preda – Albulapass – La Punt Chamues-ch, busalpin.ch. Route: Eine ausführliche Wegbeschreibung findet sich im Buch «Gratwandern Südschweiz» von Bernd Jung und Iris Kürschner, Bergverlag Rother.


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