Ob Nietzsche auch schon Birchermüesli ass? Oder zumindest
eine Version davon? Als Zeitgenosse könnte ihm das
Birchermüesli, das Anfang des 20. Jahrhunderts von Dr.
Max Bircher-Benner, Gründer eines Sanatoriums am Züriberg,
erfunden wurde, durchaus geläufig gewesen sein. Die Speise aus
Cerealien und Obst gilt längst als bester Kraftspender in den Tag
– und der Begriff ist selbst Reisenden aus Übersee bekannt. Während
diese Bergün in der Regel nur als Zwischenstation ins gelobte
Engadin wahrnehmen, stieg Nietzsche dort längere Zeit ab.
Der Philosoph entfloh der Basler Hitze im Sommer 1874. In einem
Brief an seine Schwester schwärmt er: «Die Gegend ist unmässig
schön und grossartiger als Flims. Nur vermissen wir das Bad:
zwar haben wir ein paar Stunden höher einen See, auch schwammen
wir neulich drin herum, doch war es so kalt, dass ich roth
wie ein Krebs herauskam...» Gemeint ist der Lai da Palpuogna,
der mit seiner zauberhaften Farbe zum Bade verführt. Er liegt am Weg zum Albulapass und dem Piz Blaisun, die anspruchsvollste
Tour unserer Trilogie, die wir uns von Bergün aus vorgenommen
haben. Zunächst soll es auf den Piz Darlux und die Tschimas da
Tisch gehen, eine ideale Eingehtour, dann auf einem Zwei-Tage-Trek mit Selbstversorgerhütte rund um den Piz Ela, das wilde
Herz des Parc Ela – grösster Naturpark der Schweiz, zu dem auch
das Albulatal mit Bergün zählt. Zuletzt die leichte Gratkletterei
am Piz Blaisun als Krönung.

Letzte Runde: Bevor der
Winter kommt, geht es noch
einmal über die Höhenterrasse
der Laiets-Seen zur
Fuorcla da Tschitta.
Tischlein deck dich
Wie Nietzsche quartieren wir uns im Hotel Ela ein. Das älteste
Hotel von Bergün strahlt den Charme der Belle Époque aus.
Ein ehemaliger Palazzo und dereinst wichtige Postkutschenstation
an der Strecke ins Engadin. Die meisten blieben nur, um die
Pferde zu wechseln, erzählt uns der Wirt. Es gab keinen Bad- oder
Kurbetrieb, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der betuchten Kundschaft gefragt. Dann aber übernahm ein mutiger
Unternehmer, liess mit der Eröffnung der neuen Eisenbahn
1903 das Hotel Kurhaus bauen und das Piz Ela diente als Dependance.
Viel historische Substanz ist in beiden Unterkünften erhalten
geblieben. Wir schlummern selig hinter dicken Mauern und
frühstücken im Spiegelsaal.
Der Piz Darlux bietet – leicht erreichbar und dennoch ohne
grossen Andrang – quasi eine De-luxe-Gratwanderung bis zur
Tschimas da Tisch. Reich gedeckt mit fantastischer Schau in wilde
Hochtäler und zu imposanten Gipfeln, darunter der Piz Kesch,
höchster Berg der Albula-Alpen, und der Piz Ela, die beide zu den
Bergüner Stöcken zählen.
Die bequeme Auffahrt mit dem Sessellift, ein Restaurant an
der Bergstation sowie der moderate Zustieg machen diese Tour
auch für Familien interessant. Jetzt im Herbst ist gar nichts los
und spätestens Ende Oktober steht der Sessellift still und der
Aufstieg würde anderthalb Stunden zusätzlich aufgebrummt bekommen,
was viele abschreckt.
Wie ein Flügel sieht er nicht gerade aus, dieser wuchtige
Koloss, den man Piz Ela nennt. Ela heisst auf Rätoromanisch Flügel.
Tgamons, wie «Tschamons» ausgesprochen, nennt man die Heuhütten. An einer lehnen wir gerade und lassen genüsslich den
Blick schweifen. Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte es
ja vielleicht doch ein Adler sein, der die Flügel ausbreitet?
Perfektes Basislager für
Herbsttouren: der malerische
Ortskern von Bergün
Beflügelt auf Tour
Ein Gipfel schöner als der andere. Tatsächlich zählt der Kanton
Graubünden die meisten Matterhorn-Zwillinge. Gleich neben
dem wuchtigen Piz Ela reckt sich das Tinzenhorn, auf Romanisch
Corn da Tinizong, elegant in den Himmel. Das Matterhorn stellt
für viele die Urform eines Berges dar. Auch das Tinzenhorn zeigt
das Schönheitsideal von gleichmässig abgetragenen Graten, die
eine Pyramide bilden.
So nimmt es kaum Wunder, dass einer der
Erstbesteiger, kein Geringerer als der berühmte Alpenpionier
Douglas William Freshfield, ausrief: «C'est un petit Matterhorn.»
Gleich zwei Seilschaften eroberten den Berg am 7. August 1866:
Douglas William Freshfield mit dem Führer François Devouassoud
und der Glarner Emil Hauser mit den Führern Peter Jenny
und Alex Flury aus Pontresina. Jenny und Flury hatten im Sommer
zuvor am 17. Juli 1865 schon den Piz Ela erstbestiegen –
übrigens drei Tage nachdem die erste Seilschaft auf dem Matterhorn
stand.
Bei unserer nächsten Tour rund um den Piz Ela kommen wir auch
dem Tinzenhorn ganz nah und nehmen, wie die Seilschaften damals,
den Fusspfad von Bergün über den Bergrücken Uglix. Bis
heute der schönste Zustieg zur Elahütte, die den Erstbesteigern
noch nicht zur Verfügung stand. Sie wurde erst 1879 erbaut, versetzt
aber nach wie vor zurück in Pionierzeiten.
Wir richten uns
für eine Nacht ein in der winzigen Selbstversorgerhütte, die sich
unterm Tinzenhorn in den Hang schmiegt. Käsefondue steckt mit
im Rucksack. Das notwendige Geschirr für dieses Nationalgericht
fehlt in keiner Schweizer Hütte. Holz steht zum Einheizen parat. Schon bald bullert der Herd, zieht der schwere Duft von rezentem
Käse und Wein durch die Holzstube, werden Brotstücke eingetaucht,
während ein paar gefundene Kerzenreste für stimmige Beleuchtung sorgen. Später ein paar Schritte nach draussen, um
das Sternenmeer am Firmament zu bestaunen. So fühlen wir uns
wie die Pioniere, ohne ganz auf Komfort zu verzichten – und ausserhalb
der Saison sind wir ohnehin ganz allein unterwegs.
Die kleine Ela-Hütte für
Selbstversorger erinnert
von innen wie von aussen
an Pionierzeiten.
Der nächste Morgen meldet sich rosa an. Nicht etwa, dass
wir zu tief ins Glas geschaut hätten – im Gegensatz zu den Erstbesteigern,
die mit vier Flaschen gutem Veltliner ihren Durst
löschten –, doch die Landschaft wirkt, als hätte man eine rosa
Brille auf. Der Zauber dauert nur wenige Minuten. Dann kriecht
die Sonne das Tinzenhorn hinunter und legt eine Gesteinswüste
zum Staunen in grelles Licht. Bizarre Felsgebilde lenken den
Blick zum Orgelspass. Gesteinsschichten bilden am Berg ein
Muster, als sei er ein Rührkuchen. «Wie ein Birchermüesli durcheinandergemischt», so beschreibt der Fotograf Peter Donatsch
die Gesteinsvielfalt, die im Parc Ela ihren Höhepunkt um Tinzenhorn
und Piz Ela finden.
Tatsächlich fühlt man sich in die Dolomiten
versetzt. Die Bergünerstöcke bestehen zu grossen Teilen aus
Dolomit. Mal leuchtet dieser grau, mal gelblich-rötlich-braun, mal
fast weiss oder fast schwarz. Dazwischen mischen sich andere
Gesteine wie Kalk, Gips, Basalt, Brekzien... Ein Trümmerhaufen
und doch ein Kunstwerk, verwittert zu kantigen, bizarren Formen,
die das Auge begeistern.
Das Tinzenhorn bald im Rücken steuern wir den vis-à-vis
liegenden Elapass an. Jenseits glitzern zwischen den Moränen
ehemaliger Gletscher türkisblaue Tümpel: die Laiets, wo unser
Wanderpfad durchfädelt. Nach einem letzten Gegenanstieg zur
Fuorcla da Tschitta kann der Blick vom Tödi über das Berninamassiv
bis zum Ortler schweifen. Und da liegt schon der Piz Blaisun,
unser nächstes Tourenziel, das sich nah und imposant neben
dem Piz Üertsch ins Bild drängt.
Schiefe Schichten
Gipfel der steilen Grashalden, auf romanisch Blais, bedeutet
sein Name. Als wir am nächsten Morgen am Albulapass aus dem
Postauto steigen und hinaufschauen, wirkt er für uns eher wie
ein Schutthaufen. Auf halber Strecke geht das Grün in Schutthalden
über, die den Piz Blaisun in eine imposante Schieferpyramide
verwandeln. Ob das mal gut geht? Noch wirkt alles leicht, als wir
dem Wanderweg Richtung Chamanna d’Es-cha folgen. Es geht
nordöstlich gemächlich ansteigend über die Wiesen der Alps d’Alvra
zur Fuorcla Gualdauna. Dort verlassen wir den markierten
Wanderweg und steigen weglos steil den Grashang hinauf in den
Schieferschutt am Beginn des Ostkammes. Aber überraschend
gut begehbar zeigt sich der Ostgrat des Piz Blaisun. Manche Passagen
als flacher Spaziergang, dann wieder die eine oder andere
spannende Kletterpartie. Problemlos, wenn man seinen Schritt
sorgfältig setzt.
Oben am Gipfel dann sehen wir, dass der Piz Blaisun
mit seinem etwas höheren Nachbargipfel Piz Üertsch einen
mehrere Kilometer langen Kamm nördlich über der Albulapassstrasse
bildet, während er sich über seinen Nordgrat mit dem Piz
Kesch verbindet. Somit stehen wir hier auf der Rhein-Donau-Wasserscheide.
Faszinierend bei der Tour ist nicht nur der Fernblick
in die umliegende Gipfelwelt, zum vergletscherten Berninamassiv
und zur Ortlergruppe, sondern auch wieder der Nahblick in
die Geologie des Berges, die verschiedenen Gesteinsschichten
der sogenannten Ela-Decke. Man passiert skurrile Felsformationen
und Gesteinsansammlungen. Mitunter klirren unsere Schritte
unter dickem Schieferbrösel, den einige Vorgänger nutzten,
um Skulpturen und originelle Steinmännchen zu bauen. Aus dem
«Birchermüesli» wird hier ein Lego- oder Mikado-Spiel.
Weitere Informationen und Touren
Anreise
Mit dem Zug bis Chur und umsteigen in die Albulabahn, eine der spektakulärsten Schmalspurbahnen der Welt, mit 55 Brücken und 39 Tunneln ein Paradebeispiel höchster Ingenieurskunst und 2008 von der Unesco in die Welterbeliste aufgenommen.
Tipp
Am Bahnhof von Bergün lohnt sich ein Besuch des Bahnmuseums. Locker lässt sich darin ein Tag verbringen, ideal bei Regenwetter. Es bietet einen umfassenden historischen Einblick in die Unesco Bahnstrecke: bahnmuseum-albula.ch.
Unterkünfte
- Elahütte/Chamonas d'Ela, Selbstversorgerhütte, an den Wochenenden bewartet, aber ohne HP, Getränke vorhanden, Hüttenwart Reto Bachmann, Tel. +41 78 878 98 41, sac-davos.ch
- Hotel Piz Ela in Bergün, Tel. +41 81 407 23 23, pizela.ch
- Kurhaus Bergün mit sehr schönem Spa-Bereich, Tel. +41 81 407 22 22, kurhausberguen.ch
Karte
Swisstopo 1: 50 000, Blatt 258 T Bergün
Literatur
Parc Ela, Peter Donatsch, Appenzeller Verlag 2007. Parc Ela, ott verlag 2009. Gratwandern Südschweiz, Iris Kürschner und Bernd Jung, Bergverlag Rother 2024
Tourentipp 1: Piz Darlux und Tschimas da Tisch, 2872 m
Wanderung, T3
Dauer: 5.30 Std.
1215 Hm im Auf- und Abstieg
Talort: Bahnhof Bergün, 1380 m, an der Albulabahnstrecke
Ausgangspunkt: Bergstation Darlux, 1974 m
Route: Eine ausführliche Wegbeschreibung findet sich im Buch «Gratwandern Südschweiz» von Bernd Jung und Iris Kürschner, Bergverlag Rother.
Tourentipp 2: Rund um den Piz Ela
Wanderung, T3
Dauer: 2 Tage (9.15 Std.)
1895 Hm im Aufstieg, 1476 Hm im Abstieg
Ausgangspunkt: Bahnhof Bergün, 1380 m, an der Albulabahnstrecke
Endpunkt: Bahnhof Preda, 1789 m, an der Albulabahnstrecke
Route: Diese abwechslungsreiche 2-Tage-Tour startet am Bahnhof Bergün. Man folgt den Wanderschildern ins Dorf hinunter und durch die hübsche Hauptgasse. Beim Hotel Piz Ela biegt man rechts ab. Es geht an der Schreinerei Florinett (spezialisiert auf Mondholz) vorbei und auf dem Holzweg (Lehrpfad) bergwärts. Recht steil zum Bergrücken Uglix, dann gemächlich absteigend zur Ela-Hütte, 2252 m. Durch das Tälchen zwischen Piz Ela und Tinzenhorn steigt man in den Pass d'Ela und dann hinunter zu den Laiets. An den Seen vorbei geht es südöstlich zur Fuorcla da Tschitta, 2831 m. Durch steile Schutthalden in ein verwunschenes Hochtal, später durch den duftenden Arvenwald des Val Mulix ins Albulatal. Beim Weiler Naz folgt man rechts dem Bach entlang zum Bahnhof von Preda. Unterwegs kann man seine Trinkflasche mit eisenhaltigem Heilwasser auffüllen.
Tourentipp 3: Piz Blaisun
Bergtour T4+
Dauer: 5.30 Std.
980 Hm im Auf- und Abstieg
Zustieg zur Fuorcla Gualdauna T2. Danach zunehmend anspruchsvoller, doch weitgehend Gehgelände. Teilweise Wegspuren und Steinmännchen. Im Gipfelbereich müssen einige Felsen im I. Schwierigkeitsgrad überklettert werden, doch kompakt und griffig. Abstieg über den Südgrat sehr steil, zuletzt über Grasmatten, die bei Nässe rutschig sind.
Ausgangs- und Endpunkt: Punt Granda, 2255 m, oder Parkplatz Es-cha an der Albulapassstrasse ca. 2,5 km östlich der Passhöhe. Der Bus Alpin bedient täglich die Strecke Preda – Albulapass – La Punt Chamues-ch, busalpin.ch.
Route: Eine ausführliche Wegbeschreibung findet sich im Buch «Gratwandern Südschweiz» von Bernd Jung und Iris Kürschner, Bergverlag Rother.