Sofie Lenaerts, wann haben Sie zum letzten Mal darüber nachgedacht, näher an die Alpen zu ziehen?
Das passiert immer wieder mal. Aber bisher ist nie etwas daraus geworden. Erst haben wir gesagt, wir machen es, wenn die Kinder meines Mannes aus dem Haus sind. Das sind sie längst, aber umgezogen sind wir trotzdem nicht.
Woran liegt es?
Mein Mann könnte als Physiotherapeut sicherlich anderswo Arbeit finden. Für mich als Polizistin wäre das schon schwieriger. Und Leute, die sich mit dem Bergsteigen auskennen, gibt es in den Alpen nun wirklich genug. So ist es bisher nur bei der Idee geblieben. Berge gibt es für meinen Mann und mich deshalb nur im Urlaub.
In ihrer Heimat kennt man die
Polizistin Sofie Lenaerts vor allem als
Moderatorin einer TV-Sendung für
Verkehrssicherheit.
Sie sind in Belgien geboren und aufgewachsen und eine sehr erfolgreiche Höhenbergsteigerin. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe recht spät mit dem Bergsteigen begonnen. Ein Kollege von der Polizei, der oft beim Felsklettern war, hat mich eines Tages eingeladen, mit ihm in die Kletterhalle zu gehen. Das hat mir gefallen und so kam eines zum anderen.
Mit Sean Villanueva O'Driscoll, Siebe Vanhee, den Brüdern Nicolas und Olivier Favresse, Sébastien Berthe und Anak Verhoeven, um nur einige zu nennen, tummeln sich ja gerade eine Menge Belgier in der Spitzenklasse des Alpinismus und insbesondere des Alpinkletterns. Ist Klettern in Belgien ein beliebter Sport?
In den vergangenen Jahren hat das enorm zugenommen. Es ist verrückt, wie viele Kletterhallen wir haben. Länger als zwanzig Minuten braucht niemand zur nächsten Halle. Und in den Ardennen haben wir auch echt gute Klettergebiete.
Freÿr, Yvoir, Durnal und Sy zum Beispiel, um ein paar Namen zu nennen.
Die Gebiete sind klein, aber fordernd. Wenn man Klettern lernen will, dann fährt man am besten nach Belgien.
Weil wir schon bei der Werbung für Belgien sind. Wo sind Sie am liebsten in den Ardennen beim Klettern? Verraten Sie uns das?
Rochers de Beez ist ein bekanntes Klettergebiet bei Namur, das Teil eines langen Massivs aus Dolomit ist. Es erstreckt sich entlang der Maas und wurde von der belgischen Armee für Kletter- und Bergsteigerübungen genutzt, bei denen auch König Albert I. kletterte, der ja bekanntlich ein begeisterter Alpinist war.
Für das Klettern braucht man nicht unbedingt Berge. Da reichen steile Wände. Mit dem Bergsteigen ist es in Belgien schon schwieriger.
Trotzdem wollen ganz viele Belgier raus in die Natur und auf Berge rauf. Während Covid hat das ganz stark zugenommen. Die alpinen Vereine vermelden noch immer starke Mitgliederzuwächse. Ihre Kurse für Skitouren, Schneeschuhwandern oder Felsklettern in den Alpen sind komplett ausgebucht. Es gibt einfach zu wenig Guides.
Not macht erfinderisch:
Auch in der Skihalle lässt sich
das Handling von Pulkas üben.
Auch Sie bieten Kurse für das Bergsteigen an – speziell geht es ums Expeditionsbergsteigen und die Vorbereitung auf Expeditionen.
Gerade bereiten wir uns auf den Pik Lenin vor.
Aber wie geht das in Belgien? Der Pik Lenin ist 7134 Meter hoch.
Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir haben. Wir haben da keine Wahl. In den Ardennen gehen wir an Felsen und lernen den Umgang mit dem Seil. Höhenmeter machen wir bei Wanderungen über die Hügel, die wir haben. Und in Lüttich gibt es die längste Treppe Belgiens. Sie führt über 70 Höhenmeter. Es dauert circa zweieinhalb Stunden, bis wir dort tausend Höhenmeter zusammen haben. Jeder hat einen Rucksack auf dem Rücken, der etwa ein Viertel des eigenen Körpergewichts schwer ist. Im Fitnessstudio geht es ja nur rauf. Aber an der Treppe in Lüttich geht es rauf und runter. Das ist ein perfektes Training mitten in der Stadt. Und in der Gruppe macht das sogar ziemlich viel Spass.
Die Bueren-Treppe in Lüttich ist mit 67
Höhenmetern ein bevorzugtes Trainingsrevier
für Sofie Lenaerts.
Aber Höhenbergsteigen hat ja nicht nur mit Kondition zu tun. Da geht es auch um Erfahrung am Berg.
Alles andere machen wir mit Vorträgen. Ich berichte von meinen Erfahrungen. Wir reden über Erfrierungen und Akklimatisation. Und an die Höhe passen wir uns gemäss dem Prinzip «Live Low Train High» in den vier Wochen vor der Abreise mit Hypoxie-Training an.
Zurück zu Ihrer eigenen Bergsteiger-Biografie. Von der Kletterhalle in Belgien auf den höchsten Berg der Welt ist es schon ein Stück.
Schritt für Schritt. Erst ging es an den Fels in den Ardennen. Dann sind wir im Urlaub in die Dolomiten gefahren, um dort Klettersteige zu gehen. Ein Ziel war auch die Marmolada. Der Gletscher dort war mein erster Kontakt mit Eis und natürlich auch mit Pickel und Steigeisen. So ging es weiter, das Bergsteigen hat mir immer besser gefallen. Ich habe langsam die Dosis erhöht. Und bei jedem weiteren Urlaub, ob in Teneriffa, in Thailand oder in Uganda, habe ich dann das Kennenlernen von anderen Kulturen mit dem Bergabenteuer verbunden. Und dann fuhr ich nach Peru zum Nevado Pisco. 5752 Meter hoch. Mein erster Fünftausender. Mein erster richtiger Berg.
Was verstehen Sie unter einem «richtigen Berg»?
Na ja, es war kalt, dazu die Höhe und eben der Gletscher mit den Gletscherspalten. Wobei ich gestehen muss, dass mir das erst überhaupt nicht gefallen hat. Die Nacht war bitterkalt. Und beim Aufstieg habe ich mich die ganze Zeit gefragt, wieso das jemand mag. Der Berg war komplett in Wolken, ich habe überhaupt nichts gesehen von dem, was drumherum ist. Auf dem Gipfel war es eiskalt. Ich habe ganz schlimm gefroren. Beim Abstieg war ich mir jedenfalls sicher, dass ich das nie mehr wieder machen werde.
Und was hat Sie dann umgestimmt? Was ist passiert?
Die Wolkendecke ist aufgerissen. Dann habe ich all die schönen hohen Berge der Cordillera Blanca gesehen. Den Huascaran, den Chopicalqui und viele andere. Das war ein echtes Wow-Erlebnis. Da habe ich verstanden, weshalb man eine Leidenschaft für das Bergsteigen entwickeln kann. Von da an war ich den Bergen verfallen.
Wie alt waren Sie damals?
Da war ich schon 26. Ich habe richtig spät mit dem Bergsteigen begonnen, was ich wirklich bedauere. Hätte ich früher angefangen, wäre vieles einfacher gewesen. Kindern und Jugendlichen fällt es deutlich leichter, bestimmte Techniken und Fertigkeiten zu erlernen. Diese Erfahrung habe ich auch beim Skifahren gemacht, das ich erst mit 18 Jahren begonnen habe. Man muss jung sein, um das gut zu lernen und zu beherrschen.
Trotzdem waren Sie die erste Belgierin und auch die erste Frau aus den Benelux-Staaten auf den Gipfeln der Seven Summits, der höchsten Berge der sieben Kontinente. War das von Anfang an Ihr Ziel?
Zunächst ging es mir wirklich nur um das Abenteuer, das ich auf Expedition gesucht habe. Die Alpen boten mir in dieser Hinsicht zu wenig. Da ist man zu nah an der Zivilisation. Es reicht ein Telefonanruf und wenn man ihn braucht, kommt der Heli. Weg von der Zivilisation zu sein, allein in der weiten Natur, das mag ich an Expeditionen. Du bist da die kleine Ameise und musst den Weg hinauf zum Gipfel finden. Das schafft man nur, wenn alles passt, psychisch und physisch. Und noch dazu muss man mit der Höhe zurechtkommen.
Kalt, hoch, abgelegen:
«Für mich ist der Denali der
schönste Berg, an dem ich
jemals war.»
Das hat Sie gereizt.
Das hat mich zum einen gereizt. Dass mein damaliger Partner Guide bei einem belgischen Anbieter war, hat zum anderen vieles erleichtert. Mit ihm bin ich auf den Elbrus und dann auf den Aconcagua gestiegen. Mein Freund hat dann den Denali vorgeschlagen. Der Denali in Alaska war genau das, was mir gefallen hat: Schnee, Kälte, Höhe und dann noch die Abgeschiedenheit. Für mich ist der Denali noch heute der schönste Berg, auf dem ich jemals war. Und dann wollte ich eben wissen, wie sich das alles an einem Achttausender anfühlt und ob ich bereit wäre dafür.
Was war die Antwort? Waren Sie bereit?
Nein, ich war es nicht. Mein Ziel waren die Gasherbrums in Pakistan – ohne Guide, ohne Hochträger, ohne Flaschensauerstoff. Aber ich habe viele Fehler gemacht. Ich war physisch und psychisch nicht in der Lage. Stef Maginelle war der Leiter der Expedition.
Ihr heutiger Ehemann.
Richtig. Er hat beide Gipfel erreicht. Nach der Erfahrung in Pakistan habe ich Stef gebeten, mich zu coachen. Das hat er gemacht und anderthalb Jahre später sind wir gemeinsam nach Nepal zum Makalu gefahren. Der Berg war zu diesem Zeitpunkt nie von Belgiern bestiegen worden.
Das war 2015.
Das Jahr des Erdbebens. Wir sind bis zum Lager II gekommen. Dann bebte die Erde. Als schliesslich sämtliche Expeditionen abgebrochen wurden, war ich schon sehr enttäuscht. Ich hatte hart trainiert. Und ich konnte meine Frage nicht beantworten. Aus der Enttäuschung heraus habe ich dann zu Hause sofort die nächste Expedition gebucht: Den Khan Tengri in Kirgistan. Mein Ziel war, diesen 7010 Meter hohen Berg allein zu besteigen. Und das ist mir auch gelungen.
Ganz schön mutig von Ihnen, das allein zu machen. Der Khan Tengri ist ja nicht irgendein Berg. Er fordert immer wieder Tote.
Bei meinen Solo-Touren habe ich am meisten gelernt über die Schwierigkeiten am Berg und wie man die Probleme löst. Gemeinsam mit anderen Lösungen zu finden, ist immer leichter. Aber ich war auf mich allein gestellt. Ich habe da auch erfahren, wie wichtig ein positives Mindset ist, um Lösungen zu finden. Wenn die Stimmung schlecht ist, dann wirst du nicht erfolgreich sein. Geduld und Belastbarkeit sind an hohen Bergen das A und O. Nach dem Erfolg am Khan Tengri war ich total motiviert und sicher, dass das auch an einem Achttausender klappt.
Ungewöhnlich: Der Mount
Everest, hier oberhalb des
«Third Step» auf der Nordseite,
war Lenaerts' erster
Achttausender.
Ihr erster Achttausender war dann gleich der höchste, nämlich der Mount Everest.
Ich wurde gefragt, ob ich 2016 zum Everest mitkommen würde. Mir war das zu teuer. Aber dieser Freund liess nicht locker und meinte, wir müssten uns Sponsoren suchen. Leichter gesagt, als getan. In Belgien, wo alles flach ist, ist es schwer, einen Sponsor für eine Achttausender-Expedition zu finden. In der Schweiz, wo die Menschen quasi auf den Bergen zur Welt kommen, stelle ich mir das einfacher vor. Jedenfalls habe ich mich überreden lassen und gesagt, ich würde mitkommen, wenn das mit den Sponsoren klappt und wir auf die tibetische Nordseite gehen, denn auf der nepalesischen Südseite war mir schon damals zu viel los. Mit dem Erfolg am Everest habe ich dann auch zum ersten Mal an die Seven Summits gedacht.
2017 waren Sie dann auch auf der Everest-Südseite.
Stef, der 2007 schon auf dem Everest war, und ich wollten auf den Lhotse. Wir haben uns dann aber falsch entschieden. Wir waren ohne Flaschensauerstoff und ohne Sherpa unterwegs. Und die Frage war, ob wir vor oder nach der Masse gehen sollen. Wir haben uns für davor entschieden, hatten uns aber von dem vorherigen Akklimatisationsaufstieg zu wenig erholt. Deshalb haben wir den Gipfel nicht erreicht.
Das war in der Saison, in der Ueli Steck am Nuptse gestorben ist.
Ja, wir haben Ueli sogar noch im Lager II getroffen, einen Tag vor seinem Tod. Ueli war dort mit dem französischen Bergsteiger Yannick Graziani auf einer Erkundungstour. Yannick hatte die Bewilligung für den Everest, aber kein Permit für den Nuptse. Ueli ist dann alleine Richtung Nuptse aufgestiegen, wo er tödlich verunglückt ist. Wir haben davon im Lager III erfahren. Das hat uns tief getroffen. Es war schlimm.
2020 standen Sie auf dem Gipfel des Mount Vinson. Damit haben Sie die Seven Summits abgeschlossen. Beobachten Sie eigentlich noch, was an den Achttausendern und den Seven Summits passiert?
Ich habe weiterhin einen Blick drauf, weil ich von den belgischen Medien immer wieder mal zum Mount Everest befragt werde.
Und was antworten Sie dann?
Ich mochte die Achttausender in der Art, wie wir das gemacht haben. Und deshalb bin ich enttäuscht, was jetzt passiert. Ich verstehe natürlich die wirtschaftlichen Hintergründe. Ich verstehe die Menschen, die wie ich ausprobieren wollen, ob sie es auf den Gipfel eines Achttausenders schaffen. Die Entwicklung an sich gefällt mir aber nicht. Ich war ja auch mit Sherpa und Flaschensauerstoff am Mount Everest. Das war aber das einzige Mal, dass ich so unterwegs war. Da wurden mir alle Entscheidungen abgenommen. Das war nicht mein Stil. Deshalb habe ich das bei den anderen Expeditionen anders gemacht.
Dann müssen Sie im Winter an die Achttausender. Sie haben es ja sogar einmal versucht, 2021/22 am Manaslu.
Das war ziemlich enttäuschend. Und es lag gar nicht daran, dass wir es wegen des vielen Schnees und der Lawinengefahr nur bis zum Lager II geschafft haben. Aber von den Bergsteigern, die noch dort waren, hatte der eine sieben Sherpas dabei. Er hat einen Post nach dem anderen abgesetzt und sich für Social-Media-Videos als Schneeschaufler in Szene gesetzt. Der andere hat mit dem Heli-Shuttle die Freundin einfliegen lassen. Ich hatte eine komplett andere Agenda. Ich wollte etwas lernen. Was ich dort erlebte, war nicht das, was ich mir unter einer Winterexpedition vorgestellt hatte. Die Magie der Achttausender war für mich verflogen.
Im Januar 2022 versuchte
sich Sofie Lenaerts, u. a. mit
Simone Moro, an einer Winterbesteigung
des Manaslu.
Sind Sie eigentlich in Belgien ein Star? Erkennt man Sie auf der Strasse oder im Supermarkt?
Ja, ich werde schon angesprochen. Aber das hatte zumindest bis vor Kurzem einen anderen Grund. Als Polizistin bin ich auch Redakteurin und Moderatorin einer Fernsehsendung zur Verkehrssicherheit. Da sprechen mich die Leute tatsächlich an, wenn sie sich über eine neue Tempo-30-Zone ärgern. Aber was soll ich da machen? Lieber mag ich es, wenn es ums Bergsteigen geht. Das kommt in letzter Zeit häufiger vor, weil es im belgischen Fernsehen eine Serie gibt, in der ich mitwirke. Da geht es um Prominente, die ich auf einen höheren Berg vorbereite, in der aktuellen Staffel auf den Nevado Pisco, und die in diesem Zusammenhang dann auch porträtiert werden. Bergsteigen bringt Menschen an ihre Grenzen und in den Porträts erzählen sie dann über ihr Leben.
Der Nevado Pisco ist der Berg, an dem Sie Ihre Leidenschaft für das Bergsteigen entdeckt haben. Wohin führt Sie denn Ihr Bergsteigerleben noch?
Im Anschluss an die Pik-Lenin-Expedition mit 16 Teilnehmern habe ich gemeinsam mit Stef den Pik Pobeda geplant. Er gehört zu den fünf Siebentausendern, für die es zu Sowjetzeiten den Schneeleopard-Orden gegeben hat. Auf dem Khan Tengri war ich schon. Auf dem Pik Lenin stand ich auch schon. Fehlen also nur noch drei.
Sofie Lenaerts
Jahrgang 1975, war 2020 die erste Frau aus den Benelux-Staaten, die die Gipfel der Seven Summits, der höchsten Berge der sieben Kontinente, erreicht hat. Sie wurde 2022 mit dem renommierten Albert Mountain Award ausgezeichnet, der an den belgischen König Albert I. (1875–1934) erinnert und von der schweizerischen King Albert I Memorial Foundation vergeben wird.