April. Nach vier Fünfteln der Skitourensaison befinden sich Körper und Geist in Bestform. Die Füsse finden ihren Weg im Schlaf in die Bindung, der Kopf übersetzt jeden Wetterbericht blitzartig in eine perfekte Packliste. Ausrüstungsmängel sind entdeckt und behoben, der Kleiderschrank ist nach dem Zwiebelprinzip sortiert. Alle Sinne stehen auf Skitour, als wäre man ein menschlicher Hangneigungsmesser.
Lieber den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Diese Gretchenfrage zwingt der April Skibergsteigern geradezu auf. Wenn die Hütten an den Viertausendern für ihre Mini-Saison öffnen, die Bedingungen an den ganz grossen Gipfeln endlich brauchbar sind, die Tauben auf dem Dach gewissermassen für einmal stillhalten – dann eine Etage tiefer bei den Spatzen zu bleiben, ist für Hochambitionierte gar nicht so einfach.
Fachsimpelnd ins Flachstück
Und doch so lohnend. Im Wallis steht man schon seit Stunden auf den Fellen, als sich Samuel Bundi und Lucie Eberhard um neun Uhr bei Cappuccinowetter in Curaglia treffen. «Eine halbe Stunde müssen wir laufen», meint Samuel, der sich zuvor auf der Medelserhütte SAC nach der Schneelage erkundigt hat. Also die Skier guten Gewissens aufbinden, noch nicht in die Skischuhe wechseln, bei den ersten, noch unterbrochenen Schneestreifen auf der Forststrasse nicht schwach werden. Auch wenig Wissen ist Macht.
Gleitzeit: Flotten Schrittes
geht's hinein ins Val Plattas.
Den Hüttenzustieg liessen
Lucie Eberhard und Samuel
Bundi vorerst links liegen ...
Die Belüftungsschlitze an den Hosen stehen bereits weit offen, als die Turnschuhe endlich deponiert und die Bindungshebel verriegelt sind. Schon wenige Meter später zeigt der Piz Medel erstmals seinen Gipfel, wie immer ein spannender Moment. Wie wirkt das Ziel? Uneinnehmbar oder einladend? Als furchteinflössender Adler zeigt sich der Medel heute jedenfalls nicht. Aber man darf den Spatz nicht kleinreden. Immerhin wurde der Piz Medel erst im Schicksalsjahr des Alpinismus, 1865, erstbestiegen, nur ein paar Wochen vor dem Matterhorn und wenige Tage vor den Grandes Jorasses. Aber wenn man wie Samuel Bundi für das Bächli Race Team bei der Patrouille des Glaciers an den Start geht, oder es jeden Winter auf gute 80 Tourentage bringt wie Lucie Eberhard, dann schmilzt die bisweilen erdrückende Ehrfurcht, die manch einen vor solchen Touren belastet, zu einer gesunden, kompakten, griffigen Vorfreude zusammen. Was, nebenbei gesagt, ziemlich genau den Schneeverhältnissen vor Ort entspricht.
Dementsprechend drehen sich die Gespräche von Lucie und Samuel, die mit langen Schritten und flachen Steighilfen das Val Plattas hinaufgleiten, auch nicht um mögliche Schlüsselstellen der Tour, sondern um Ausrüstung. Wie das eben so ist, wenn zwei Hartwaren-Abteilungsleiter gemeinsam auf Tour sind. Da wird über den Flex der neuesten Skimodelle gefachsimpelt, die Vor- und Nachteile von Vollcarbon-Stöcken werden verglichen und die verschiedenen Verstellmechanismen von Fersenbacken diskutiert. Und ehe man sichs versieht, geht es schon gar nicht mehr bergauf.
... weil rechts traumhafte
Firnhänge lockten. Zwei
Extra-Abfahrten am Zustiegstag
– so lassen sich Frühjahrstouren
geniessen.
Im flachen Talschluss an der Alp Sura, über die Hälfte des 1200-Höhenmeter-Hüttenzustiegs ist schon absolviert, halten die beiden für eine Rast. Mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Links würde es zur Medelserhütte gehen. Lucie schaut nach rechts und meint: «Schau Samuel, die Hänge schauen gut aus.» Weil Apriltage lang sind und man die Feste feiern muss, wie sie fallen, geht es ohne Diskussionen 300 Extra-Höhenmeter hinauf Richtung Piz la Buora. Und weil der Sulz gar so schön zischt, das Ganze gleich nochmal. «Das war was fürs Gemüt!», strahlt Samuel, als er zum dritten Mal an diesem Tag die Felle aufzieht. Unterm Strich stehen 1800 Höhenmeter für diesen Zustiegstag auf der Uhr. Gar nicht übel für einen Spatz.
Die Medelserhütte
(2524 m) bietet Schutz,
Schnitzel und ein Sonnenuntergangsfenster.
Kuchenbuffet zum Niederknien
Der Empfang an der Medelserhütte ist prächtig: Verena und Jochen warten, heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, mit Tee auf der Hüttenterrasse. Auch drinnen verwöhnen sie ihre Handvoll Gäste nach Strich und Faden. Ein Kuchenbuffet zum Niederknien, Schweineschnitzel aus Curaglia, selbst gemachte Brownies mit Vanillecreme am Sonnenuntergangsfenster. Ihre Nachfolger verstehen ihr Handwerk sicher ähnlich gut, aber man muss es als eine Art Haftungsausschluss erwähnen, dass die beiden am Ende der Saison auf die benachbarte Terrihütte wechseln.
Wenn für Mittag 20
Grad angesagt sind,
dient ein früher Aufbruch
nicht nur der Sicherheit,
sondern auch dem
Abfahrtsgenuss.
Nicht mehr frühlings-, sondern eher sommerhafte 20 Grad sind anderntags für die Mittagszeit vorhergesagt, an einem 8. April. Und so sitzen Lucie und Samuel schon um halb sechs beim Frühstück, obwohl die Gipfeletappe zum Piz Medel mit 700 Höhenmetern überschaubar ist. Die vier anderen Hüttengäste treten von hier aus nur noch die Talfahrt an, sodass das gesamte Gebiet von nun an menschenleer ist. Die Kanten erzeugen einen Höllenlärm, als Lucie und Samuel im Stirnlampenschein den bockhart gefrorenen Hüttenhang wieder hinabrattern, bis sich ein Weg ins Tälchen zum Glatscher da Plattas öffnet. Unter solchen Bedingungen fällt die Entscheidung, zu den Fellen auch die Harscheisen zu montieren, sehr leicht. Am Horizont glüht der Oberalpstock wie ein Stück Eisen im Hochofen, auch auf nicht allzu hohen Hochtouren ist der Tagesanbruch ein ewig erhabenes Erlebnis.
Bonusrunde zum Piz Uffiern
Auf dem ziemlich flachen Medelgletscher zeigt sich der Spatz weiterhin wohlgesonnen: Nicht nur die Piz-Medel-Standardroute über den Ostrücken, auch der fast immer abgeblasene Nordgrat sieht ausnahmsweise gangbar aus, trotz oder vielleicht gerade wegen des sehr schneearmen Winters. In Spitzkehren geht es zum Skidepot, wo zum einzigen Mal der Wind etwas zulegt. Die letzten Meter zum Gipfel stehen dann einem Allalinhorn in nichts nach: ein exponierter Grat über dem Wolkenmeer, gerade breit genug für beide Füsse.
Lucie und Sam auf dem Piz Medel.
Nun, da der Spatz schon im Sack ist und weit und breit kein höheres Dach in Sicht, kreisen Lucies und Samuels Gedanken darum, wo man die nächste Taube finden könnte. Ein Rückzug ans Kuchenbuffet wirkt verlockend, aber noch grösseres Glück vermuten die beiden in einer Rundtour hinüber zum Piz Uffiern. Wenn günstige Verhältnisse und grosse Leistungsreserven zusammenkommen, sollte man dieses Privileg einfach nutzen.
Trotz der geringen Schneehöhe gelingt der Durchschlupf auf rund 2900 Metern ohne Felskontakt. Das Gespür für Schnee hat nicht gelogen: Im nordseitigen Kessel zwischen Piz Uffiern und Cima di Camadra warten tatsächlich noch einige Pulverschneehänge darauf, zerpflügt zu werden. Und so beginnt das Spiel vom Vortag erneut: Auf und nieder, immer wieder geht es zum Skidepot unter dem Piz Uffiern und jubelnd die schönsten Hänge hinab. Vor dem Gipfelgrat des Uffiern hatte Jochen von der Medelserhütte noch wegen starker Wächten gewarnt, es sei ein zeitraubendes Unterfangen, das sich den ganzen letzten Monat niemand angetan hätte. Solange der Schnee auf dem Gletscher noch so gut ist wie heute, gibt es kein Argument, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Lieber zweimal denselben Hang geniessen.
In
den Nordhängen unter dem
Piz Uffiern geniesst Lucie auch Tage nach
dem letzten Neuschnee noch
frische Ware.
Schleichfahrt von Insel zu Insel
Ausserdem war da ja noch das Thermometer. Die Isolationsjacken stecken längst im Rucksack, als Lucie und Samuel wieder unter die 3000-Meter-Marke tauchen. Immer weiter klettern die Plusgrade, kein gutes Zeichen für die Lawinengefahr und auch nicht für die Schneequalität. Auch die Spalten gilt es im Auge zu behalten. Noch eine Steilstufe, in der sich der Schnee überraschend gut gehalten hat, dann ist bereits der höchste Punkt vom Vortag erreicht, die Bonushänge unter dem Piz la Buora, die es nun zum dritten Mal hinuntergeht. Dreifach hält eben am besten.
Und solange der Schnee nicht endet, ist das Spiel noch nicht vorbei. Die sonnenwarmen Picknickfelsen lassen Lucie und Samuel diesmal links liegen. Der Plan: Zeit sparen, um noch halbwegs harten Schnee hinunter nach Curaglia zu erwischen. Das Spiel geht auf, noch kein Sumpf, die Skier laufen ohne grossen Stockeinsatz. Die letzte Partie Poker dreht sich um die Turnschuhe, die erst mal im Rucksack landen, anstatt die Skier aufzubinden. Listig schleichen die zwei dem Gelände nach, mogeln sich von Insel zu Insel und schaffen es so noch ein gutes Stück weiter ins Tal. Und jetzt? Gilt es wieder, von den Tauben zu träumen.
Hinweis: Bitte beachte bei jeder Tourenplanung die aktuelle Lawinensituation z.B. auf White Risk.