Newsletter

Jubiläumsrabatte

DE | FR | IT
  1. Erlebnis
  2.  > 
  3. Blog

Zum Jubiläum: Eine Hochtour auf den Bächlistock

Bernard van Dierendonck, Montag, 24. Juni 2024

Zuhinterst im Bächlital steht der 3246 Meter hohe Bächlistock. Auch wenn der SAC-Führer über den selten besuchten Gipfel nicht gerade schwärmt – zum 50. Geburtstag von Bächli Bergsport müssen wir ihm die Ehre erweisen.

Am schwarzblauen Nachthimmel funkeln die Sterne und es leuchtet der Mond. Im Schein der Stirnlampen laufen wir schweigend hintereinander her. Unser regelmässiger Atem und das Knirschen der Bergschuhe im feinen Kies vereinen sich mit dem Rauschen des Bächlibaches. Irgendwo löst sich ein Stein aus einer Bergflanke und kollert in die Tiefe. Sonst herrscht absolute Stille. Wenn man das frühe Aufstehen überwunden hat, ist das Laufen im noch dunklen Hochgebirge eine fast schon meditative Erfahrung. 

Die Bächlitalhütte ist Ausgangspunkt für wunderschöne alpine Kletterrouten und Hochtouren.

Tags zuvor auf dem Zustieg zur Bächlitalhütte schien der Start in so einen makellosen Bergtag undenkbar. Beim Loslaufen auf der Staumauer des Räterichsbodensees rüttelte ein eiskalter Wind an den Kapuzen unserer Regenjacken. Weiter oben, auf der grossen Schwemmebene Bächlisboden, ergoss sich ein kräftiger Regenschauer nach dem anderen über uns. Zu guter Letzt, als wir gerade beim Hüttensee einen Platz fürs Picknick ausgesucht hatten, scheuchte uns der nächste Intensivregen unter das trockene Hüttendach.

Wer darf mit zur Bächli-Feier auf dem Bächlistock? Es sind Tanja Schödler, Abteilungsleiterin Hartwaren aus Thun, Tamara Giovanoli, stellvertretende Filialleiterin aus Bern, und Filialleiter Patrick Goeringer aus Conthey (VS). Geleitet werden sie von den beiden Bergpunkt-Bergführern Michael Wicky und Bruno Hasler.

Zweifel am Planziel 

Wie wir schon bei der Planung der ersten Jubiläumstour gelernt hatten, stimmen die freien Termine des Bächlikaders und das gute Bergwetter selten überein. Damit wir von einem kurzen Schönwetterfenster Anfang Juli profitieren können, wurden diesmal die Dienstpläne und Sitzungen nochmals kurzfristig verschoben. Denn die Besteigung des Bächlistocks ist ein Termin von grosser Priorität für Bächlis Geburtstagsjahr. Wenn das Bergsportgeschäft schon als Namensvetter einen Hochgebirgsgipfel hat, so gilt es das zu feiern.

Aber als wir die Führerliteratur studierten, begannen wir an der Grossartigkeit des Plans zu zweifeln. Denn die Routen auf diesen hintersten und höchsten Gipfel im Bächlital sind alles andere als Modetouren. Nur über den Ostgrat verliert der SAC-Führer einige positive Worte. Es handelt sich dabei um eine Tour, die eine schnelle Seilschaft in fünf Stunden schaffen kann. Dies ist für unsere siebenköpfige Gruppe vielleicht eine Nummer zu gross. Wir wollen sicher auf den Gipfel und entscheiden uns darum für den kürzeren Nordgrat. Dieser wird im Führer mit der Schwierigkeit ZS- bewertet und etwas abschreckend als «wenig lohnend, eher für den Abstieg geeignet. Etwas mühsam, lose Felsen.» beschrieben.

Oben links: Recherche und Vorbereitung der Tour. Unten links: Wegweiser. Rechts: Die Metallleitern führen zur Obri Bächlilicken und damit zum Anfang des Bächlistock Nordgrates.

Beim Aufstieg in der frühmorgendlichen Stille in Richtung Obri Bächlilicken sehen wir weit vor uns Lichtkegel über Geröll, Felsplatten und Moränen huschen. Diese schnellen Seilschaften werden wohl kaum auf dasselbe Ziel wie wir zusteuern. Denn gemäss Hüttenwart erklimmt höchstens eine Seilschaft pro Saison den Bächlistock. Tatsächlich beobachten wir bei Tagesanbruch die Seilschaften am Einstieg zum Ostgrat des 3161 Meter hohen Gross Diamantstocks. Dessen ausgesetzte Gratkletterei, mit Kletterstellen im oberen vierten Grad in meist schönem, festem Fels, ist die Modetour der Region.

Wir schnallen dagegen die Steigeisen unter die Bergschuhe und seilen uns an. Weiter geht’s über den Bächligletscher. Dank der klaren Nacht ist der Firn noch pickelhart und ermöglicht ein regelmässiges, zügiges Steigen. Knapp zwei Stunden nach dem Aufbruch gelangen wir unter eine rund fünfzig Meter hohe Felsstufe. Ausgesetzt führt eine Serie Metallleitern über diese Stufe auf die Obri Bächlilicken. Dieser Übergang zwischen dem Bächlital und dem einsamen Gauligebiet ist auch der Ort, an dem der Nordgrat des Bächlistocks beginnt.

Tags zuvor regnete es Bindfäden, aber beim Aufstieg über den Bächligletscher empfängt uns ein traumhafter Bergtag.

Auf den ersten Blick bestätigt sich das Urteil des SAC-Führers: Der Grat besteht aus lauter lose geschichteten Felsbrocken und Platten in allen Grössen – Geschirrladen nennt man das in der Szenesprache. Doch wir lassen uns davon nicht abschrecken und steigen behutsam am kurzen Seil den beiden Bergführern hinterher. Das Bewegen im brüchigen Gelände hat, so befremdend es klingen mag, auch etwas Reizvolles. Statt dass man Griffe unbesehen auf Zug belastet, stemmt und drückt man sich behutsam hoch, setzt leichtfüssig wie eine Katze die Bergschuhe auf die Tritte und bewegt sich trotzdem in einem konstanten Rhythmus bergauf. 

Schnell wird klar, dass unsere beiden Seilschaften mit diesem Gelände überhaupt keine Mühe haben. Alle sind routiniert unterwegs. So klettert Tanja sehr gerne Mehrseillängenrouten und hält sich mit Joggen und Velofahren fit. Bei Tamara ist die Bergsteigerei fester Bestandteil der Familien-DNA. Sie trifft man immer wieder in Seilschaft mit ihrem Vater und ihrer Schwester auf Hochtouren im Oberengadin, und Patrick ist seit jeher so viel wie möglich in den Bergen unterwegs. Früher auf Hochtouren im In- und Ausland, sogar an zwei Achttausendern hat er sich schon versucht. Heute ist er begeisterter Trailrunner.

Diese Querung im festen Fels bleibt besonders in Erinnerung.

Was wir im Hochgebirge suchen 

So kommen wir speditiv voran, legen das Seil, welches der Bergführer zur Sicherung um einen Zacken führt, schnell für den Nachfolger um den nächsten Vorsprung und bleiben dabei im Flow. Der Grat verwöhnt uns ab und an mit einigen überraschend festen Kletterstellen im zweiten bis dritten Schwierigkeitsgrad. Besonders in Erinnerung bleiben eine Querung, bei der wir uns an der spitzen Gratkante halten und mit den Füssen auf Reibung hinüberhangeln, und eine ausgesetzte Abseilstelle auf einem grossen Felsturm.

Während einer kurzen Trinkpause wird uns die eindrücklich wilde Szenerie bewusst, in der wir uns bewegen. Der Blick zurück über den Zackengrat und weiter bis zum Gipfel des Gross Diamantstocks ist von rauer Schönheit. Der Tiefblick zwischen den Felstürmen hinunter auf die sanfte, weisse Schneeoberfläche des Bächligletschers könnte kontrastreicher nicht sein.

Wir packen unsere Trinkflaschen wieder ein und steigen weiter. Plötzlich löst sich direkt über mir doch noch ein Felsbrocken. Zum Glück purzelt er nur aus geringer Höhe auf meinen Oberschenkel und hinterlässt lediglich einen blauen Flecken. Das mahnt uns weiterhin zur Vorsicht, und so gratulieren wir uns ohne weitere Zwischenfälle nach einer Stunde Kletterzeit zum schönen Gipfel des Bächlistocks.

Der Nordgrat auf den Bächlistock überrascht mit einigen schönen Kletterpassagen und einer ausgesetzten Abseilstelle.

Ich muss an die Erstbesteiger denken, welche bereits vor 136 Jahren auf dem Gipfel des Bächlistocks standen. Im SAC-Heft «Die Alpen» aus dem Jahr 1892 beschreibt der Pfarrer Heinrich Baumgartner, wie ihn damals Gewissensbisse plagten: Da sie bei ihrem ersten Anlauf im faustdicken Nebel kletterten, war er sich nicht sicher, ob sie tatsächlich auf dem richtigen Spitz einen Steinmann aufgeschichtet hatten. So organisierte er vier Jahre später eine zweite Expedition, die er über den Westgrat auf den Nordgipfel führte. Baumgartner: «Wir sind nicht die so und so vielten, sondern die ersten; denn wie ein zweiter musternder Blick zeigt, nirgends eine Spur, dass je vor uns ein menschliches Wesen hier oben gestanden. (…) Am meisten interessierte und freute mich indessen mein unmittelbares vis-à-vis, der südliche Bächlistock. (…) auf seinem Haupte trug er den von uns im September 1888 im dichtesten Nebel errichteten Steinmann.» Baumgartner war übrigens der Meinung, dass dieser Gipfel der wahre Gipfel des Bächlistocks sei. Heute weiss man, dass der Nordgipfel mit 3246 Metern immerhin um drei Meter höher ist.

So wie der berggängige Pfarrer geniessen auch wir die Aussicht über die hochalpine Wildnis des Unteraargletschers bis hin zu Finsteraar-, Lauteraar-, Schreck- und Wetterhorn. Gegenüber, am Gross Diamantstock, beobachten wir, wie sich auch dort die ersten Seilschaften dem Gipfel nähern. Einige Stunden später, bei saurem Most, Kaffee und Kuchen auf der sonnigen Hüttenterrasse der Bächlihütte, denken wir an den Jubiläumsgipfel zurück. Es ist nicht nur die Fünfsternewertung einer Modetour, die ein grossartiges Bergerlebnis auszeichnet. Das Unberührte und Einsame, das wir auf dem Nordgrat des Bächlistocks fanden – ist es nicht das, was wir wirklich im Hochgebirge suchen?

Informationen zur Tour

Anreise 
ÖV: Mit dem Postauto ab Meiringen Bahnhof bis Haltestelle Räterichsboden an der Grimselpassstrasse.
Auto: Bei der Staumauer des Räterichsbodensees am Grimselpass gibt es zahlreiche Parkplätze. Von hier schöner Hüttenaufstieg in 2 - 2.5 Stunden (630 hm) bis zur Bächlitalhütte SAC. 

Unterkunft: Bächlitalhütte: www.sac-albis.ch/huetten/baechlitalhuette, Hüttentelefon: 033 973 11 14, Sommersaison von Mitte Juni bis Mitte Oktober. Die Umgebung der Hütte bietet zahlreiche schöne Möglichkeiten zum Sport- und Alpinklettern. 

Ausrüstung: Hochalpine Gletscherausrüstung inklusive Helm. Kletterei am kurzen Seil, Sicherung um Zacken. 

Nordgrat auf den Bächlistock:
- Zeit: 3 - 4 Stunden Aufstieg / 920 HM
- Schwierigkeit: ZS- Alpine Gratkletterei mit Stellen im 2.-3. Schwierigkeitsgrad. Loser Fels. 

Informationen:
- SAC Tourenportal: www.sac-cas.ch
- Edition Filidor, Plaisir West (Band 1) zu Sport- und Alpinklettereien, inklusive Gross Diamantstock, Ostgrat ZS+. www.filidor.ch 

 

Passende Inhalte

Kommentare

Bernard | 27.06.2024 17:19
Herzlichen Dank für diese schöne Tourbeschreibung und den eindrücklichen Bildern. Wunderbare Idee, dem Bächlistock so die Ehre zu erweisen. Habe eure Tour so ein bisschen miterleben können. Ich freue mich darauf, auch wieder einmal auf Hochtouren mitgehen zu können - nach längerer Pause bin ich wieder am aufbauen.
Liebe Grüsse, Bernard
Nino | 28.06.2024 23:50
Schade habt ihr gekniffen! Der Ostgrat von der Fellenberglicken zum Bächlistock bietet immer wieder wunderschöne kletterei! Als Abstieg ist die Südrippe vom S-Gipfel dem Nordostgrat wegen der besseren Felsqualität vorzuziehen. Der NO-Grat ist auf den letzten Metern zur Bächlilicke schon eher wie russisch Roulette.
Kommentar schreiben