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Hochtouren und Klimawandel: Ein Erfahrungsbericht von der Dent Blanche

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Thomas Ebert, Sonntag, 19. Juli 2026

Ist die Hochtour vom Aussterben bedroht? Was die Gletscher auf ihrem Rückzug hinterlassen, ist meist trostloses, oft auch gefährliches Schuttgelände. Einige Hütten kämpfen mit Wassermangel, anderen verschiebt es im auftauenden Permafrost das Fundament. Gibt es, vom Borkenkäfer mal abgesehen, überhaupt Klimawandel-Gewinner in den Bergen? Ein Erfahrungsbericht von der Dent Blanche.

Nicht zu wissenschaftlichen Zwecken, aber mit der nicht minder starken Tatkraft eines Schreiners sowie eines Heizungsmeisters, die sich einen Montag freigeschaufelt haben, machen sich Urs und Stefan auf den Weg ins Wallis, um das zu überprüfen. Der erste Eindruck ernüchtert: Kurze Hosen und Sonnenhut sind angemessen für den Zustieg zu einer der höchsten SAC-Hütten überhaupt, die Cabane de la Dent Blanche liegt auf 3507 Metern. Das ist auch ungefähr die Höhe, ab der die Gletscher nicht vollends mit offenem Blankeis-Karies daliegen. 

«Der Rückgang ist schon erschreckend», murmelt Stefan, während er im Strandoutfit den Blick zur Nordwestwand der Dent Blanche schweifen lässt. Genau dort ist dem Schweizer Profialpinisten Silvan Schüpbach und zwei Kollegen sogar noch eine Neutour gelungen. Ein Blick aufs Datum der Erstbegehung von «Le clin d’œil» durch das markante Gletscherauge – 28./29. Dezember 2025 – relativiert jedoch das Potenzial dieser nicht ganz zu Unrecht «vergessenen» Nordwand. Jetzt, Mitte August, ist ihr weniges Eis von grauem Schutt bedeckt. Das Gletscherauge hat Grauen Star, blickt müde ins Tal, und Urs zitiert aus dem Führerwerk von Dani Silbernagel: «Die einst verfirnten Wände und Couloirs bieten heute mehr Steinschlag als Eis.»

«Mehr Steinschlag als Eis»: Beim Zustieg zur Dent Blanche lässt sich die Walliser Gletscherwelt bestens in Augenschein nehmen.

Keine guten Aussichten also für die allermeisten Hochtouren im Umkreis. Aber Urs und Stefan haben den Normalweg der Dent Blanche ins Auge gefasst. Den Süd- oder Wandfluhgrat geht man ohnehin eher später im Jahr, von Mitte Juli bis Mitte September. Fairerweise lässt sich diskutieren, ob die Tour mit spätsommerlich-minimaler Gletscherberührung überhaupt noch als klassische Hochtour durchgeht. An einem Berg wohlgemerkt, der an Höhe nur von 15 Alpengipfeln übertroffen wird. Aber, Tatsache: Am Roc Noir präsentiert sich die apere Zunge des Glacier des Manzettes derart hart, dass Urs und Stefan für die letzten zehn Minuten zur Hütte die Steigeisen anlegen. Es ist noch nicht vorbei mit dem Eis.

Auf den aperen Resten des Glacier des Manzettes kurz unterhalb der Hütte.
 

Auf der Hütte ist der Andrang aus den Sommerferien vorüber. Nur sechs Seilschaften bleiben über Nacht. Da ist Zeit, um auf der Terrasse mit einem Glas Weisswein das Theaterstück zu geniessen, das der fulminante Sonnenuntergang aufführt. Tausendfach bricht und spiegelt sich das flache Streiflicht im Blankeis, als würde bereits die Götterdämmerung anbrechen, immer wieder knackt und prasselt es. Urs und Stefan aber gehen mit gutem Gefühl zu Bett: Der Normalweg ist komplett schneefrei, das Wetter stabil, «besser kann man es nicht erwischen», jubelt Stefan. 

Sonnenuntergang auf Dreifünf: Abendstimmung an der Cabane de la Dent Blanche
 

Geweckt wird um viertel nach vier. Die beiden starten als erste Seilschaft, «ich hab’ nicht gern Leute vor mir auf den Fotos», meint Urs. Das Blockgrätli direkt hinter der Hütte macht keine Wegfindungsschwierigkeiten: Immer da entlang, wo es ausgeputzt ist und die Steigeisenkratzer am deutlichsten sind. Der gestufte Grat ist perfekt zum Aufwärmen. Der Puls steigt noch nicht zu Kopf, aber die Hände müssen aus dem Sack. Für das noch nicht blanke, aber harte Firnfeld hinauf zur Wandfluelücke (3696 m) werden die Steigeisen – zum letzten Mal schon im Aufstieg – ihrer Berechtigung zugeführt. Die vierzig Grad vertreiben die letzte Müdigkeit aus den Körpern. 

Am Gendarme in Gedanken 

Noch liegt alles in stiller Dunkelheit. Von Punkt 3883 erfolgt eine letzte kurze Gletscher-Traverse hinüber zum Einstieg am Südgrat. Dann heisst es: Immer dem Grat nach, wo sich Silbernagels Urteil, «betreffend Felsqualität sicher der schönste Aufstieg», bestätigt. Tatsächlich zeigt sich hier, dass der Südgrat ein heimlicher Gewinner des Klimawandels sein könnte: Wenn die jährliche Zahnreinigung an der Dent Blanche erfolgt und der Grat schneefrei ist, lässt sich hier ein Pracht-Viertausender mit viel Genuss von der Liste streichen. Sofern man der Tour gewachsen ist, versteht sich.

Am Südgrat der Dent Blanche, im Hintergrund die Dent d'Hérens und der bisherige Wegverlauf über die Wandfluelücke.
 

Urs und Stefan, die als Seilschaft schon Schwierigeres geschafft haben, etwa die Traversierung von Schreck- und Lauteraarhorn mit Abstieg durch den Schraubengang, fühlen sich in diesem Gelände wohl. So erreichen sie auf gut 4000 Metern den Fuss des Grand Gendarme, der laut Silbernagel-Führer «oft, zu Unrecht, ausgelassen wird» und beschliessen, solchen Klagen keinen Vorschub zu leisten. Sie lassen die leichtere Umgehung links liegen und packen den Gendarme direkt.  

«Wahrscheinlich wollen sie die Leute bewusst auf die Umgehung schicken», wundert sich Stefan, dass, von einem Fix-Friend abgesehen, keine Haken am Gendarme stecken, während die Umgehung mit etlichen Bohrhaken und Stangen ausgestattet ist. Gegenüber bekommt das Matterhorn das erste Licht, und während Stefan die steile und luftige, aber gut griffige 4a-Schlüsselstelle meistert, blickt Urs hinüber zum Zmuttgrat und beerdigt gedanklich alle Besteigungsträume. Schon der Zustieg über den Matterhorngletscher gleicht augenscheinlich einem Himmelfahrtskommando. Wie gesagt: Nicht alle Routen profitieren vom Klimawandel.

Nur trocken eine andere Liga 

Bald nach dem Gendarme kommen die Routen wieder zusammen. Inzwischen ist die Sonne spektakulär zwischen Dom und Täschhorn aufgegangen, Urs und Stefan sortieren sich nun zwischen den Seilschaften ein. Ein paar kleinere Türme – laut Führer «spielen sich hier oft Szenen ab» – werden zügig überschritten oder umgangen. Die Bewegungen fliessen, stets lässt sich das Seil zur Zwischensicherung um einen Gratzacken legen oder ein Haken nutzen. Dann flacht der Grat ab. «Fast schon Gehgelände», kommentiert Urs die letzten Meter zum Gipfelkreuz – was man vom grimmigen Viereselsgrat, der nun rechts ins Bild kommt, wahrlich nicht behaupten kann. 

Ganz schön hoch: Mit 4357 Metern rangiert der Gipfel der Dent Blanche in der Liste der 82 Alpenviertausender an 16. Stelle.

Für den Abstieg wählen Urs und Stefan dann die Umgehung. Im trockenen Fels lässt sich alles gut abklettern, anstatt sich mit Abseilmanövern zu verzetteln. «Aber wenn dich hier Nebel oder Graupel erwischen, dann ist das gleich eine ganz andere Liga», meint Urs. Etwas mehr Vorsicht müssen die beiden auch in Sachen Felsqualität walten lassen. Während am Gendarme alles bombenfest war, sollte man in der Umgehung, speziell im Geröllschlitz mit seinen Sicherungsstangen, gut darauf achten, keine Steine loszutreten. Die Stangen wiederum ermöglichen ein effizientes Absteigen am langen Seil, ohne komplett ungesichert zu sein.  

Bald ist der Fuss des Gendarmes erreicht, nach etwas Auf und Ab über die Wandfluelücke schliesslich auch die Hütte. Ein Aprikosenkuchen zur Feier der gelungenen Tour hebt die Stimmung auf ein Maximum, ehe sie ein Flugakrobat wieder dämpft: «Der hat doch nicht ernsthaft einen Gleitschirm dabei», deutet Stefan auf einen Bergsteiger, der auf dem flachen Gletscher kurz unterhalb der Hütte seinen Start vorbereitet. Kurz darauf segelt er genüsslich ins Tal. «Oh Mann, und wir ‹dürfen› noch 1700 Höhenmeter runterlatschen», sagt Urs. Dass am Ende noch beim gewagten Sprung über einen Weidezaun ein Stock zu Bruch geht, kann die Tour nicht mehr trüben. Aus dem Zmuttgrat wurde wie erwartet nichts mehr, aber noch im selben Spätsommer gelingt der Seilschaft die grosse Monte- Rosa-Überschreitung. Soll noch einer sagen, im August gingen keine Hochtouren mehr.     

Fotos: Urs Nett
 

Der Charakter vieler Normalwege auf Alpen-Viertausender ändert sich: Immer seltener bewegt man sich in Schnee und Eis, oft werden die Übergänge zwischen Firn und Fels schwieriger. Eine gute Hochtourenausrüstung ist für alle Eventualitäten ausgelegt. In unseren Filialen erhältst du kompetente Beratung und die passende Ausrüstung für deine Ansprüche.


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