Sohlengummi und Reibung: Die Wissenschaft hinter dem Grip
Warum halten Kletterschuhe selbst auf winzigen Tritten? Das Geheimnis liegt in der speziellen Gummimischung, deren Rezeptur die Hersteller wie ihren Augapfel hüten. Namhafte Fabrikanten sind hier Vibram (XS Grip und XS Edge) oder Evolv (Trax-SAS), die bei zahlreichen Kletterschuhen an den Sohlen zu finden sind. Um gute Haftung auf einem Tritt zu erzeugen, muss der Gummi exakt die richtige Mischung aus «Elastizität» und «Viskosität» aufweisen. Nur dann kann die Interaktion zwischen Schuh und Struktur funktionieren. Wie Honig «fliesst» der Gummi in die kleinsten Vertiefungen im Felsen oder auf einem Kunstgriff und erzeugt so eine maximal grosse Kontaktfläche. Beim Weiterklettern schnellt der Gummi in seine Form zurück, er «erholt» sich, um sich auf dem nächsten Tritt gleich wieder breit zu machen.
Die Gummimischungen sind so angelegt, dass der Schuh in einem möglichst breiten Temperaturbereich gut funktioniert. Bei zu niedrigen Temperaturen würde normaler Gummi hart werden, und bei zu hohen Temperaturen zu weich und weniger haltbar. Dann «schmiert» man förmlich ab, was jeder kennt, der schon einmal im Hochsommer beim Plattenklettern war. Je nach Einsatzgebiet gibt es unterschiedlich harte Gummimischungen: Besonders weiche Mischungen glänzen in der Boulderhalle und besonders harte geben Halt an senkrechter Wandkletterei mit kleinen Trittchen.
Kleingriffige Wandkletterei:
Hier glänzen härtere
Schuhe, die spitz zulaufen.
Christopher Igel in «Le Cirque
du Sole» 8b.
Europäisches Handwerk: Von der Materialwahl bis zur Vorspannung
Die Herstellung von Kletterschuhen gehört zur hohen Kunst des Schuhmachens. Viele Schuhhersteller produzieren in Europa: Scarpa und La Sportiva in Italien, EB in Frankreich, Tenaya in Spanien. In Handarbeit wird zunächst der obere Teil der Schuhe genäht; hier kommen Naturleder, Kunstleder, Mikrofasermaterialien und Neopren zum Einsatz. Danach werden die Oberteile auf den jeweiligen Leisten gespannt und die Sohle von unten angeklebt. Bei fast allen Schuhen kommt noch eine Zwischensohle für zusätzliche Stabilität zum Einsatz. Diese kann sich über das gesamte Fussbett erstrecken und hohe Stabilität erzeugen, oder sie wird nur in bestimmten Bereichen eingebaut, um punktuell mehr Halt und Kraftübertragung zu bieten, zum Beispiel unter den Zehen.
Hier lohnt es sich, die Beschreibungen der einzelnen Schuhe zu studieren!
Bei Modellen für fortgeschrittene Kletterer bekommt der Schuh bei der Herstellung eine sogenannte «Vorspannung» verpasst. Dazu wird die Ferse über Gummi-Einsätze näher Richtung Fussspitze gezogen, um so eine Spannung zwischen Zehen und Ferse zu erzeugen. Sinn dahinter ist, dass man mit weniger Anstrengung kleinere Tritte «krallen» kann, sie sozusagen zu sich herzieht, um das Gewicht optimal auf den Tritt zu übertragen.
Schliesssysteme bei Kletterfinken: Schnürer, Klett oder Slipper
Es gibt drei Arten von Schliesssystemen bei Kletterfinken, manche auch in Kombination, jede mit ihren eigenen Vorzügen.
- Schnürschuhe lassen sich präzise an den Fuss anpassen, je nach Bedarf fest oder locker, je nach Tagesform. Sie sind besonders beim Felsklettern geschätzt.
- Klettverschlüsse bieten schnellen Zugang, besonders praktisch in der Halle, wenn man zwischen den Boulderversuchen die Schuhe ausziehen muss. Zwei Klettverschlüsse sorgen für gute Anpassung in der Weite.
- Der Slipper geht noch schneller. Er ist wie eine Socke, elastische Einsätze an der Öffnung erleichtern das Hineinschlüpfen. Manche haben einen Klett zur Fixierung. Doch der Slipper muss von Anfang an perfekt sitzen – die Weite lässt sich kaum anpassen.
Typisch indoor:
Grosse Volumen, hier
punkten weiche, flexible
Kletterschuhe.
Durchgehende vs. geteilte Sohle: Konstruktion und Einsatzbereiche
Kletterschuhe kommen in allen Formen und Härtegraden: Von hochflexiblen Modellen für maximale Sensibilität bis hin zu extrem steifen Schuhen für kleinste Tritte. Ein entscheidendes Merkmal ist dabei die Wahl zwischen einer durchgehenden und einer geteilten Sohle.
Die durchgehende Sohle: Maximale Kraftübertragung
Hier bedeckt eine einteilige Gummischicht den gesamten Schuh vom Vorderfuss bis zur Ferse.
Vorteile:
- Stabilität: Bietet eine hervorragende Unterstützung für den Fuss, besonders auf langen Routen.
- Kraftübertragung: Ermöglicht es, viel Druck präzise auf kleinste Kanten zu bringen.
- Langlebigkeit: Durch die robuste Bauweise ist der Schuh oft widerstandsfähiger gegen Abnutzung.
Nachteile:
- Geringere Flexibilität: Der Schuh lässt sich weniger gut biegen.
- Weniger Gefühl: Die Sensibilität für die Beschaffenheit des Tritts ist im Vergleich geringer.
Die geteilte Sohle: Flexibilität und Sensibilität
Hersteller splitten die Sohle oft in eine stabile Zone unter dem Vorderfuss und eine hochflexible Zone im Mittelfuss- oder Fersenbereich.
Vorteile:
- Flexibilität: Der Schuh passt sich der natürlichen Fussbiegung perfekt an.
- „Krallen“ im Überhang: Im steilen Gelände kann man Tritte regelrecht heranziehen.
- Performance beim Bouldern: Ideal für dynamische Züge und das Stehen auf grossflächigen Volumen (Slopern).
Nachteile:
- Ermüdung: Da die Sohle weniger Eigenstabilität bietet, muss die Fussmuskulatur mehr Arbeit leisten.
- Kantenstabilität: Auf winzigen Leisten bietet sie tendenziell etwas weniger Support als eine durchgehende Sohle.
Downturn und Asymmetrie: Die Formel für maximale Präzision
Downturn (vertikale Biegung) und Asymmetrie (horizontale Biegung) sind zwei Konstruktionsmerkmale, die Kletterschuhe leistungsorientierter machen, aber den Komfort verringern.
vlnr: Flach ohne Vorspannung, flach mit Vorspannung, Downturn und Vorspannung
Ein Downturn biegt die Zehen nach unten, wodurch das Gewicht stärker auf den Vorderfuss und die Zehen verlagert wird. Dies steigert die Präzision auf kleinen Tritten, reduziert jedoch den Komfort.
Asymmetrie bedeutet, dass der Schuh eine schiefe Ausrichtung der Zehen aufweist, wodurch der Druck auf den grossen Zeh konzentriert und die Kraftübertragung auf präzise Tritte verbessert wird. Diese Merkmale sind besonders beim leistungsorientierten Klettern und Bouldern entscheidend, da sie mehr Kontrolle und Präzision bieten. Allerdings werden die Füsse stärker in den Schuh gepresst und können weniger «ausweichen»: Oft muss man diese Schuhe bei längeren Sessions zwischendurch ausziehen, da sie weniger bequem sind.
Die Wahl von Kletterfinken mit Downturn und/oder Asymmetrie ist also durchaus eine Entscheidung, ob man in der Komfortzone bleibt oder seine Kletterfähigkeiten weiterentwickelt.
vlnr: (1) Asymmetrie, (2) Downturn, (3) Vorspannung
Neubesohlung von Kletterschuhen
Marken legen Wert auf gute Verarbeitung, damit die Kletterschuhe lange halten. Wie bei einem Velo-Pneu hält ein Kletterfinken nur eine bestimmte Strecke, selbst bei erstklassiger Qualität und hohem Preis. Wird viel geklettert oder die Technik ist nicht sauber, ist der Schuh schnell abgenutzt. Doch keine Sorge: Kletterschuhe kann man in den meisten Fällen wiederbesohlen. Bei Bächli Bergsport nehmen wir jedes Paar zur Neubesohlung entgegen. Lass dich dazu am besten in einer unserer 14 Filialen beraten.
So findest du den richtigen Kletterschuh
Jeder Fuss ist anders! Es lohnt sich, so lange nach dem passenden Kletterschuh zu suchen, bis er sitzt. Hier gelten jedoch andere Regeln als beim Kauf eines Wanderschuhs: Ein Kletterschuh wird nie so bequem wie ein Sneaker, aber um auf kleinen Tritten zu stehen, muss der Schuh eng anliegen. Die Zehen sollten vorne anstossen, und im Spann- sowie Fersenbereich darf keine Luft sein. Schmerzen sollten jedoch nicht auftreten. Wenn der Schuh zu gross ist, rutscht man ab und verliert die Kraftübertragung. Probiere mehrere Modelle aus.
Für Schmalfüsse bieten viele Marken speziell angepasste Frauenmodelle mit engerer Ferse, oft als «LV» für Low Volume gekennzeichnet. Beginne mit deiner normalen Strassenschuhgrösse und teste, bis der Schuh rundum eng sitzt, aber die Zehen leicht aufgestellt sind. Bächli-Filialen bieten kleine Kletterwände, an denen du alle Schuhe testen kannst.
Ein Tipp: Trage den Schuh fünf Minuten lang, ziehe ihn wieder aus und warte eine Minute. Fühlt er sich danach perfekt an, hast du den richtigen Schuh gefunden!
Den perfekten Schuh gibt es (nicht)
Nicht nur bei Profis, auch bei ambitionierten
Vielklettererinnen ist es
ähnlich wie bei Powderfreaks gang
und gäbe, mehrere Modelle an Kletterschuhen
zur Auswahl zu haben – vom
brettharten Risskletterschuh bis zum
butterweichen Hallen-Boulderschuh.
Denn die Modelle sind inzwischen so
unterschiedlich, dass jedes in einem
Bereich, in einer Disziplin besonders
glänzen kann.
Bouldern Indoor
In Hallen gibt es grosse Tritte und Volumen. Ein weicher, flexibler Schuh mit anliegender Ferse und Toe Hook Patch hilft, besonders bei Heelhooks und Toe-
hooks. Ein Downturn und Asymmetrie kommen bei steilen Überhängen ins Spiel, sind aber bei senkrechten Wänden weniger nötig.
Für die etwas gutmütigeren Wände
um die Sulzfluh nach St. Antönien und
weiter nach Partnun (Asphaltstrasse),
hier gibt es zwei Berghotels für Übernachtung
und Einkehr nach der Tour.
Klettern Indoor
Kleine Tritte erfordern einen flexiblen Schuh mit mehr Unterstützung im Vorderfuss. Ein gerader Schuh reicht für Einsteiger im Senkrechten, während Fortgeschrittene im Überhang von einem Schuh mit Downturn profitieren.
Klettern Outdoor
Für senkrechte Wände und kleine Tritte sind harte, stabile Schuhe ideal. An löchrigem Konglomerat bieten spitze Schuhe mit Downturn und Asymmetrie Präzision. Bei überhängendem Felsen mit grossen Griffen sind weiche Schuhe ausreichend.
Bouldern Outdoor
Hier gibt es die grösste Bandbreite. Für schwere Projekte sind die kleinsten Tritte entscheidend. Ein aggressiver Schuh sorgt für Präzision. An Platten und Henkelparaden hingegen leisten flache, bequeme Schuhe gute Dienste.
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