Der Pfarrer von Weisstannen, ja, der hatte es über den Heidelpass geschafft. Die Warnungen im Online-Tourenplaner der Heidiland Tourismus AG («gerade bei Nässe können einzelne Stellen sehr rutschig sein») hatte er notgedrungen ignoriert, denn man schrieb das 14. Jahrhundert. Petrarca war gerade freiwillig auf den Mont Ventoux gestiegen, eine unerhörte Frechheit. Aber der Pfarrer von Weisstannen hatte ja einen Grund, warum er die 1300 Höhenmeter auf den Heidelpass, Schwierigkeit T2, vier Mal im Jahr auf sich nahm: Drüben in St. Martin im Calfeisental warteten die Hirten von zwölf Walserfamilien darauf, dass man ihnen die Stiftmesse lesen würde.
So ging es über Jahrzehnte, Jahrhunderte. Bis dieses «kühne koloniale Experiment» ein Ende fand und auch den letzten ganzjährigen Bewohnern von St. Martin die Kraft ausging, den ständigen Lawinen zu trotzen, die langen Wintermonate ohne jeden Sonnenstrahl durchzustehen. Fünfzehn Jahre hielt Ursula Sutter nach dem Tod ihres Mannes noch aus, ehe auch sie mit ihren beiden Söhnen hinunter nach Vättis zog. So erlosch, es war das Jahr 1652, auch das ewige Licht im Kirchlein von St. Martin.
Blick auf die Kirche und den Gigerwaldsee (Foto: sanktmartin.online)
Wasserfälle und Donnerwetter
Wie unendlich anders das Leben doch heute ist. Per WhatsApp auf die Minute koordiniert stehen wir morgens am Sarganser Bahnhofsplatz und versuchen, die beiden Eckpfeiler der diesjährigen Bächli-Tourenplanung – Batöni-Wasserfallarena und Übernachtung in St. Martin – mit dem Regenradar in Einklang zu bringen. Sollen wir über den Pizol? Michael checkt den Fahrplan. «Die Bahnen fahren erst übermorgen.» Also auf nach Weisstannen, und möglichst vor dem Gewitter über den Heidelpass. Auf der Karte merken wir uns ein paar Gebäude zum Abwettern, und Susanna holt noch eine Tüte Gipfeli vom Kiosk.
Alles steht uns zur Verfügung, nur nicht der himmlische Beistand.
Hinter Weisstannen haben die Besitzer aus Spanien, Ungarn und Fribourg ihre Van-Life-Busse die Schotterstrasse bis kurz unter das Jagdbanngebiet «Graue Hörner» hinaufgeprügelt. Schon ein paar Meter hinter dem offiziellen Schild postiert sich der erste Hirsch am Gegenhang, als bekäme er Geld dafür. An den Schuhen klebt der Lehm, aufgeweicht vom Morgengewitter, auf der Haut die Kleidung. 29 Grad, es braut sich was zusammen.
Als spiritueller Kraftort gilt
die Batöni-Wasserfallarena. Das
Regenradar raubt uns die Ruhe,
uns darauf einzulassen.
Wir spüren die ersten Tropfen, dann ein heftiger Knall – kein Donner, sondern ein Überschallflugzeug. Mit geöffneter Regenradar-App durchschreiten wir die Schlucht, die einen perfekten Spannungsbogen unter der berühmten Batöni-Wasserfallarena bildet. Wir haben Bilder im Kopf, hohe Erwartungen, die an diesem Tag nicht ganz erreicht werden. Vielleicht fehlt eine malerische Märchenwiese, vielleicht ist es zu bewölkt, vielleicht rauscht zu wenig Wasser durch die Fälle, vielleicht hat uns auch nur die schwankende Hängebrücke den Magen verdorben: Als sich die Wasserfälle endlich zeigen, erst einer, dann drei, dann fünf, will der Funke dieses berühmten Kraftorts noch nicht ganz überspringen. Dann aber kämpft sich wieder die Sonne durch, und wir wollen es nochmal wissen. Doch die Suche nach dem perfekten Wasserfall-Bild wird zum Desaster: Im Kampf mit dem Unterholz verlieren wir den Blickkontakt zu Jürg, der sich in einer aussichtsreichen Kehre mit der Kamera postiert hat. Bis ihn jemand geholt hat, ist eine gute halbe Stunde rum.

Die Suche nach dem
perfekten Wasserfallbild kann
viel Zeit rauben.
An der Alp Valtüsch, einer unserer auserwählten «Unterstände» unter dem Heidelpass, finden wir eine Dose Panaché im Brunnen, aber in unseren Kleingeldvorräten nur einen 20-Franken-Schein. Fast brechen wir schon wieder auf, da stösst die Älplerin dazu. Sie holt noch drei weitere Dosen, die Rechnung geht auf, und wir kommen ins Gespräch.
Der Auftrieb sei noch nicht lang her. Von den 130 Stück Vieh seien vier Rinder in der Kehre abgestürzt, in der Jürg vergeblich auf seine Foto-Models lauerte. Die Älplerin kann kaum glauben, dass an den Batönifällen ausser uns nur zwei Leute waren. Wir dagegen bezweifeln, dass wirklich 770 Schafe hier oben weiden, höchstens zweihundert können wir mit blossem Auge erkennen.
Als die Älplerin noch von deutschen Touristen erzählt, die bisweilen in Lederjacke und Adiletten über den Heidelpass kämen, erinnern wir uns wieder an unser Tagesziel. Inzwischen hat sich der Himmel über dem Heidelpass verfinstert. Eine Szene wie im Western: Vier Menschen stehen im Kreis und sehen sich an. Eine Entscheidung muss her. Der Älpler erscheint mit einer Tasse Kaffee lautlos im Türrahmen. Es geht nicht mehr darum, ob wir nass werden, sondern nur noch wo. «In 20 Minuten ist das Wetter da», durchbricht der Älpler unser Zaudern schliesslich. «Wenn es von dort kommt, ist es arg.»

Also Umkehr nach Weisstannen. Wieder durch die Foto-Kehre, für einen Blick nach Rinder-Kadavern bleibt keine Zeit. Unter den Batönifällen holt uns der Regen ein. Wieder knallt es, diesmal ist es kein Düsenjet. Nur runter, schnell durch die Schlucht. Jetzt hätten wir auch gerne so weit oben parkiert wie die Spanier, die schon die Vorhänge zugemacht haben. Zurück in Weisstannen sind wir nass bis auf die Haut.
Ein Besuch in der Walsersiedlung St. Martin
St. Martin – allein die Anreise könnte man Automobilmagazinen verkaufen – begrüsst uns mit einer batöniwürdigen Wasserfallarena aus den Dachrinnen. Wir sind froh, nicht über den Heidelpass gegangen zu sein. Die sieben Gebäude, bewundernswert gut in Schuss gehalten vom Verein «Pro Walsersiedlung St. Martin und Calfeisental», lassen gut erahnen, wie hart das Leben hier einst gewesen sein muss. Aber eben nur erahnen: Wer im Berghotel eincheckt, macht zwar eine halbe Zeitreise, bekommt aber auch Infrarotheizung, Coupe Denmark und Yoga um halb sechs.
In der alten Walsersiedlung
St. Martin ist zur Sommersaison
die Wirtschaft hell erleuchtet.
Im Winter wohnt hier niemand
mehr – seit 1652.
Im Sommer parken die Teslas und Porsches vor der Wirtschaft, im Winter liegt schon mal ein verhungerter Hirsch davor. Als wir abends im Kirchli die Kritzeleien von 1614 an der Wand bestaunen, kriecht uns die nasse Kälte förmlich in den Kragen. «Ich würde nicht tauschen wollen», meint Jürg. «Die vielleicht auch nicht», entgegnet Michael.
Anderntags duftet warmer Hefezopf in der Wirtschaft, und wir kommen spät vom Fleck. Wieder kleben uns die Shirts auf der Haut, als wir zur Malanseralp aufsteigen. Heute aber droht kein Unheil, die Sonne kocht nur den Regen vom Vortag auf. Vom guten Wetter beschwingt schlägt die Stimmung schon wieder in Übermut um: «Wir könnten doch über den Heidelpass zur Alp Valtüsch und dort nochmal Panaché trinken – dann wäre die Sache rund», schlägt Susanna lachend vor.
Zuerst aber führt Jürg seine Jagd nach den Big Five des Banngebiets fort: Bartgeier ziehen ihre Kreise, Steinböcke postieren sich oben am Hangsackgrat, eine Gams versteckt sich zwischen den Alpenrosen. Über das offene Gelände der Malanseralp hallen ununterbrochen Murmeltierpfiffe. «Warum heisst es eigentlich nicht Pfeifhund?», rätselt Jürg, während wir achtgeben, nicht in einen ihrer vielen Tunnel einzubrechen.
Schliesslich sind wir auf «Flughöhe» des Höhenwegs, der das gesamte nördliche Calfeisental auf etwa 2000 Metern durchzieht. Ihm wollen wir folgen, lassen daher den Heidelpass abermals rechts liegen und queren das Chüetal hinüber zum Horni, das wie eine Kanzel ins Tal ragt. Uhrzeit und Aussicht entsprechend halten wir Mittagsrast. Am Talausgang streckt sich der Gigerwaldstausee, daneben liegt St. Martin so klein, als hätte man vergessen, es im See zu versenken. Gegenüber das himmelhohe Ringelspitz-Bollwerk, das dem Walserdorf im Winter jedes Licht nimmt. Nur das am Morgen erklärte Tagesziel, die Sardonahütte, können wir mit blossen Augen nicht erkennen. Wir sehen auf der Karte nur, dass es noch sehr weit wäre.
Wenn das beste Ziel ist, kein Ziel zu setzen
Am Plattenseeli hängen wir die Füsse ins Eiswasser. Den Pizol verfehlt, den Heidelpass nicht erreicht, die Sardonahütte aufgegeben. Ist das unser Anspruch? Das kalte Wasser hilft, einen klaren Gedanken zu fassen, und die Nacht in St. Martin dabei, alles etwas anders zu sehen: Warum können wir nicht akzeptieren, wenn uns das Regenwetter einen Strich durch die Rechnung macht? Wieso um Himmels willen begreifen wir Wandern als eine Pflicht? Weshalb sind wir nicht einfach froh, dass wir Tieren und Wasserfällen nachstellen können, anstatt für den Winter vorsorgen zu müssen? Wir beschliessen, den Rest des Tages keine Ziele mehr zu haben.
Kaltes Wasser macht
klare Gedanken: am Plattenseeli,
2319 m
Auf dem Rückweg nach St. Martin finden wir aus dem Marschier- wieder in den Wandermodus. Die Forststrasse gefällt uns nicht, also wechseln wir über die Tamina auf einen schmalen Weg. Wir sehen büschelweise Türkenbund, schleichen uns an einer Mutterkuhherde vorbei, schmierige Gegenanstiege können unserer guten Laune nichts anhaben. Und dort, wo wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten, tauchen plötzlich Wasserfälle auf: Durch ein Töbeli nach dem anderen donnert das Schmelzwasser vom Glasergletscher herab, benetzt uns mit spritzender Gischt. Batöni light, kein Kessel, aber trotzdem wunderbar. Wir haben gefunden, was wir gar nicht gesucht haben. Kann man von einer Bergtour mehr verlangen?
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