Zum Inhalt springen

Bächli-Preis – unser Versprechen

30 Tage Rückgaberecht

Gratis Versand ab CHF 75.–

 4.8 / 5 11’089 Trustpilot Bewertungen

DE
  1. Erlebnis
  2. >
  3. Blog

Zauber der Stille: Skitouren am Passo del San Bernardino

christian-penning.jpg
Christian Penning, Mittwoch, 21. Oktober 2026

Unverspurte Hänge, kein Kunstschnee, jenseits der paar Lifte kaum ein Mensch auf Tour. Noch. Denn mit einem 500-Millionen-Investitionsprogramm wird der totgeglaubte Skiort San Bernardino gerade reanimiert. Wie lange hält der Zauber der Stille?

Manchmal ist weniger mehr. Auch beim Skifahren. Klar, St. Moritz, Zermatt, Crans Montana, … das hat was. Die Tourenmöglichkeiten dort: faszinierend! Und doch liegt ein eigener Zauber darin, ohne die Last grosser Erwartungen im Rucksack loszuziehen und offen zu sein für die Überraschungen vermeintlich unscheinbarer Ziele.

«Alles Naturschnee, kein Kunstschnee», bemerkt Skilehrer Giacomo Ruffini fast beiläufig, als er im schon etwas klapprigen Sessellift neben mir zur Alp de Confin hinaufzuckelt. Im Rücken schrumpfen die Häuser von San Bernardino auf Modellbahngrösse. Hoch über dem Dorf am Pass, das viele nur von der Durchreise ins Tessin kennen, tun sich weite Hänge auf, umrahmt von felsigen Graten. Die Namen der Gipfel klingen wie Musik: Piz de Mucia (2967 m) und I Rodond (2829 m). Kaum eine Skispur ist in dem tief verschneiten, welligen Gelände zu sehen. Nur ein paar scheinbar ziellos trippelnde Fährten von Gämsen begleiten uns, als wir von der Bergstation des Sessellifts mit Tourenski aufsteigen. Denn gleich neben den Pisten lockt leicht zugängliches, nicht besonders schwieriges Terrain zum Freeriden und Freetouring.

«Eigentlich müssten sich hier Tourengeher und Freerider gegenseitig auf die Skispitzen treten», wundert sich Petra Rocham, die aus ihrer Heimat im Montafon und der benachbarten Arlbergregion anderen Andrang gewohnt ist. «Ja, hier ist alles noch ein bisschen anders», nickt Giacomo. Zusammen mit Freunden hat er in San Bernardino eine Skischule eröffnet, seit vor drei Jahren nach zehnjähriger Pause das Skigebiet Confin westlich des Passes wieder in Betrieb ist. «Computergestützte, künstliche Beschneiung? Gibt es hier nicht», sagt Giacomo.

Anders als anderswo

Und auch sonst ist manches anders als in anderen Skigebieten: keine 300 Pistenkilometer, sondern 40. Keine beheizten Sessellifte mit selbst öffnenden Bubbles, kein Walk of Fame auf den Sonnenterrassen mit eitlem Sehen und Gesehenwerden. Kein Airstrip für Privatjets, keine Privathelikopter. «Dabei verströmte San Bernardino einst einen Hauch von St. Moritz», bemerkt Giacomo. Die Mineralquelle «Aqua Forte» zog im 19. Jahrhundert wohlhabende Kurgäste aus der Lombardei und aus dem Piemont an. 1829 liess der Mailänder Kaufmann Paolo Battaglia einen eleganten Säulengang über die Quelle setzen. Zwei Weltkriege und der Bau des San-Bernardino-Tunnels aber degradierten den Höhenkurort zur kaum noch beachteten Durchgangsstation mit leicht schäbiger Patina. Selbst der Skiboom der 1970er- und 1980er-Jahre war in der Retrospektive für San Bernardino nur ein Strohfeuer. Ab 2012 standen die Confin-Lifte still.

Doch Totgesagte leben länger. Seit 2023 laufen die Confin- Lifte wieder. Der Retter heisst Stefano Artioli, ein Unternehmer aus dem Tessin. «Noch erinnert manches an die 1980er-Jahre », bemerkt Giacomo, der mit Stirnband und Ray Ban Brille selbst wie ein Relikt jener Zeit wirkt. Doch Artioli hat grosse Pläne. Gekauft hat er nicht nur die Liftanlagen. Auch historische Gebäude wie das altehrwürdige Brocco & Posta sind längst im Besitz seines Unternehmens San Bernardino Swiss Alps. Innerhalb von zehn Jahren soll ein modernes Ganzjahres-Mountain-Resort entstehen, mit zeitgemässen Liften und Beschneiungsanlagen, einem Wellness-Tempel bei der alten Mineralquelle sowie Hotels und Appartements. 300 bis 500 Millionen Schweizer Franken will Artioli dafür in die Hand nehmen.

Noch sucht man alpine Champagner- und Austern-Bars mit bodentiefen Panoramafenstern vergebens. Oben am Berg wirkt San Bernardino immer noch wie im Dornröschenschlaf. Vor der Capanna Confin ziehen zwischen Holzbänken und Liegestühlen die Duftwolken eines Holzkohlegrills über die Terrasse. Drinnen wartet ein gemütlicher Mix aus Bündner Berghütte und skandinavischem Wohnzimmer im Ikea-Style. Nur eine Handvoll anderer Tourengeher ist nach dem Z‘mittag auf der Route zum Piz de Mucia unterwegs. «Perfekt für Einsteiger und Geniesser», meint Giacomo. Erst das letzte Stück unterhalb des felsigen Gipfelaufbaus wird steiler. «Wer’s anspruchsvoller mag, geht noch ein Stück weiter rechts», deutet Giacomo auf einen Felsriegel hinter dem Piz de Mucia. Das Zapporthorn (3152 m, Schwierigkeitsgrad ZS-), zählt zu den Klassikern rund um den San-Bernardino-Pass.

Zwischen Aufbruch und Retro-Charme 

Vor der Abfahrt drängt sich mit Blick ins Tal eine unbequeme Frage auf: Lohnt es sich überhaupt noch, in Zeiten des Klimawandels ein Skigebiet wiederzubeleben? Giacomo zuckt mit den Schultern. «Ich weiss es nicht.» Sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen, gehört für Giacomo Ruffini zum Alltag. Im Hauptberuf plant er Biogas- und Solaranlagen. «Eines steht fest», so Giacomo, «wir können nicht mehr weitermachen wie in den 1980ern.» Studien zeichnen ein klares Bild: Die schneesichere Zone wird sich die kommenden Jahrzehnte weiter nach oben verschieben. Möglicherweise höher als die 1600 Meter, auf denen San Bernardino liegt. Giacomos Vorschlag: «Nicht das Gebiet vergrössern, sondern bewahren, was da ist. Die Lifte erneuern, mit grüner Energie.» Giacomo blickt in die Ferne, als würde er etwas suchen. «Vielleicht», sagt er schliesslich, «liegt die Zukunft des Skifahrens ohnehin dort, wo wir gerade unterwegs sind – im Backcountry, abseits der Pisten und Bahnen.»

Für Tourengeher hat es also durchaus Vorteile, dass San Bernardino noch ein wenig wirkt wie ein Relikt aus Skigebietsgründerzeiten. Diese Ansicht teilt auch Bergführer Andrea Cari. «Was die San-Bernardino-Region für Tourengeher und Freerider so attraktiv macht, ist ihre Vielseitigkeit … », überlegt Andrea abends bei der Besprechung für den nächsten Tourentag, «…und die Ruhe!» Andrea stammt aus einem Nachbartal südlich des Passes. An guten Powdertagen ist er gerne am San Bernardino. «Vor zwei Wochen kam ich mit einer Gruppe Amerikaner», erzählt er. «Es schneite kräftig. Ich sagte: Um halb zehn sind wir im Gebiet. Sie riefen: Halb zehn, viel zu spät! Ich sagte: Bleibt entspannt. Wir können trotzdem die ersten Lines in die Hänge ziehen. Und so war es dann auch!» Andrea lacht. Auch für den kommenden Tag ist er optimistisch.

Seelischer Rückzugsort – für wie lange noch? 

Es hat schon einige Tage nicht mehr geschneit, und so fällt die Wahl auf die Gipfel um die Alp d’Arbeola südwestlich des Passes. An einem Tobel entlang zieht der erste Teil der Tour steil bergauf durch den Bergwald. Der Märzschnee ist hier unten schwer und feucht. Doch kaum ist die Waldgrenze erreicht, tut sich ein imposanter Bergkessel auf. Mit jedem Höhenmeter bergauf wird die Schneequalität besser. Kein Mensch weit und breit. Nur zwei einsame Skispuren vom Vortag zeugen davon, dass es tatsächlich noch andere Tourengeher gibt, die sich den Zustieg mit vielen Spitzkehren angetan haben. Auf knapp 2400 Metern Höhe, auf der Hochebene Pian Grand, ragen zwei dreieckige Selbstversorgerhütten aus dem Schnee, halb eingeschneit. Sommerquartiere für die Wanderer auf dem Sentiero Alpino Calanca. Vom Gipfelgrat der Cima de la Bedoleta fällt der Blick nach Westen ins Val Calanca, eines der ursprünglichsten Täler im südlichen Graubünden.

Plätze wie dieser sind für Andrea mehr als nur gute Skiberge. «Eine Landschaft für die Seele», sagt er. Vor seinem Job als Bergführer hat Andrea Psychologie und Psychotherapie studiert. «Wir bräuchten mehr solcher Rückzugsorte aus unserer überreizten Welt», überlegt Andrea. Dann löst er die Felle von seinen Ski und macht sich fertig für die Abfahrt. Oben gehen sich noch ein paar Pulverschwünge aus. Und nach einer Bewährungsprobe in einer Bruchharschpassage wartet ein grandioses Firnfinale. «Es ist wichtig, die Region um den San-Bernardino-Pass bei aller touristischen Entwicklung als Ort der Ruhe zu bewahren», sinniert Andrea während einer Verschnaufpause, bevor es im steilen Tobel nochmal anstrengend wird.

San Bernardino ist kein klassisches Skigebiet, das man in Pistenkilometern und Après-Bars misst. Es ist ein Ort, der zum Erkunden einlädt. Bleibt die Frage, ob das Dorf neu erwachen kann, ohne seinen Charme der Stille zu verlieren. Noch sind die Berge um den Pass ein Refugium der Ruhe. Ob das so bleibt, werden die nächsten Jahre zeigen.

Touren-Infos

 Rund um den San-Bernardino-Pass liegt eines der spannendsten Tourenreviere im südlichen Graubünden. Vom hoch gelegenen Dorf (1608 m) starten viele Touren fast vor der Haustür. Für Freetouring-Abstecher bietet sich das Skigebiet Confin an. Das Gelände ist überwiegend hochalpin. Sanfte Rücken mit Touren für Einsteiger wechseln mit steilen Bergflanken für Könner. Dank Höhenlage und Nord- wie auch Südstau-Wetterlagen fallen häufig grosse Schneemengen.  

Anreise
A13, Ausfahrt San Bernardino Dorf. Aus dem Norden über Chur/Hinterrhein, aus dem Süden über Bellinzona. Das Dorf liegt auf 1608 m. 

Allgemeine Infos
sanbernardino-swissalps.com 

Beste Jahreszeit
Januar bis April (Skigebiet geöffnet bis 6. April) 

Bergführer
Mountain Dream Guide, Tel. +39 392 1437 667, mountaindreamguide.com 

Literatur/Karten
SAC Skitourenführer, Walliser Alpen Ost; SAC Skitourenführer, Ticino – Mesolcina – Calanca; SAC Verlag
Swisstopo Schneesportkarte 267S San Bernardino, 1:50’000 
 

Tourentipps 

Piz de Mucia (2967 m)

Höhenmeter: 1350 hm rauf/1350 hm runter
Schwierigkeit: mittel bis schwer (ZS) 
Kondition: mittel

Die Gipfelpyramide steht über dem Skigebiet Confin. Vom Skigebiet aus mit Liftunterstützung erreichbar, dann nur knapp 900 Höhenmeter. Bei P. 2085 am Fuss des Piz de Confin Richtung Alp Vigon queren und dann westlich zum Gipfel über weites, kupiertes Gelände. Schwierig wird die Route erst auf dem felsigen Schlussstück zum Gipfel. 

Zapporthorn (3152 m)

Höhenmeter: 1540 hm rauf/1540 hm runter
Schwierigkeit: mittel (ZS-)
Kondition: mittel 

Klassiker und Paradegipfel westlich des Passo del San Bernardino. Mit Ausnahme des finalen Gipfelanstiegs moderat steile Hänge. Für den Gipfel sind Steigeisen ratsam. Oben grossartiges 360-Grad-Panorama.
 

Piz Pian Grand (2689 m)

Höhenmeter: 1550 hm rauf/1550 hm runter
Schwierigkeit: leicht (WS)
Kondition: hoch 

Imposante Felswände als Kulisse, welliges offenes Gelände und lichte Lärchenwälder. Die Tour in den Adula-Alpen nahe der Grenze Graubünden – Tessin ist ein einsames Highlight mit Ausblicken ins abgelegene Calancatal. Startpunkt: Spina.
 

Cima de la Bedoleta (2626 m)

Höhenmeter: 1460 hm rauf/1460 hm runter
Schwierigkeit: mittel (je nach Variante) (WS+)
Kondition: mittel 

Wie die Tour zum Piz Pian Grand ist auch die Cima de la Bedoleta von Spina aus über die Alp d‘Arbeola erreichbar. Die Route ist etwas einfacher und direkter als am Piz Pian Grand. Ebenfalls tolle Panoramablicke auf die Bergketten östlich des San Bernardino und ins Val Calanca.
 

Einshorn (2943 m)

Höhenmeter: 1650 hm rauf/1650 hm runter
Schwierigkeit: mittel (ZS)
Kondition: hoch 

Markanter Gipfel zwischen Hinterrhein und Passo del San Bernardino. Die Normalroute führt durch das Val Vignun. Am Ende der anspruchsvollen Tour wartet eine bis zu 45 Grad steile Gipfelflanke. Voraussetzung: Sichere Verhältnisse. 


Weitere Beiträge

2026-03_blog_skihochtour_piz_medel_07_header.jpg

Skihochtour auf den Piz Medel im April

Die Skihochtour auf den Piz Medel gilt unter Kennern als Klassiker – doch wer die wahre Magie dieser Region erleben will, muss bereit sein, die Extrameile zu gehen. Unsere Experten Lucie Eberhard und Samuel Bundi (Leitung Hartwaren) haben genau das getan. In diesem Tourenbericht erfährst du, wie sie das Gelände erlebt haben und warum echtes Know-how am Berg durch nichts zu ersetzen ist.

2026-01_blog_bergpunkt_skitour_fuerstein_01.jpg

Skitour-Tourentipp: Überschreitung Fürstein im Entlebuch

Die Tage, an denen der Schnee bis in die tiefen Lagen reicht, sind rar geworden. Doch wenn Frau Holle zuschlägt, lohnt es sich, parat zu sein! Entdecke eine märchenhafte Voralpen-Tour über den Fürstein von Langis nach Flühli.

blog_skitourmitkinder-davos-02.jpg

Wegweiser: Skitour mit der Familie in Davos

Ein Familiensonntag der anderen Art: Auf Davoser Skisafari mit zwei angehenden Teenies.

2025-10_blog_4000er_lukas_indermuehle_01.jpg

Mit Velo, Ski und Steigeisen auf einen 4000er

Im Rahmen des Abschlussprojekts an meiner Schule setzte ich mir das Ziel, einen 4000er Gipfel in der Schweiz zu besteigen. Den Weg von meiner Heimat Amsoldingen bis zum Ausgangspunkt wollte ich so weit als möglich aus eigener Muskelkraft zurücklegen.

2025-10_blog_skitour_saoseo_01_header.jpg

Wegweiser: Skitouren rund ums Rifugio Saoseo

Weite Genusshänge, anspruchsvolle Rinnen: Das Rifugio Saoseo, südöstlich vom Berninapass gelegen, bietet Tourenerlebnisse mit Tiefgang. Das Wirtspaar sorgt für beste Verpflegung – und dafür, dass alles so bleibt, wie es sein soll.

2025-04_blog_skitourenschuhe-02.png

Expert: Neuheiten und Trends rund um Skitourenschuhe

Ob Genusstour, Freetouring oder Skitouren-Rennen – noch nie waren Skitourenschuhe leichter und bequemer. Nie zuvor boten sie eine so überzeugende Abfahrts-Performance. Wir nehmen die Trends und Neuheiten unter die Lupe, und geben Tipps zum Skischuhkauf.

2025-03_blog_bergpunkt_tourentipp_skihochtour_julierpass_00_header.jpg

Tourentipp: Skihochtour vom Julierpass nach Preda

In drei Tagen über “Err und Schlaviner”. Der März ist auch der Übergangsmonat vom Hochwinter hin zum Frühling. Während im Flachland oft die ersten Blumen blühen, kann es etwas weiter oben in den Bergen noch richtig winterlich sein. Und genau diese Kombination aus Winter und Frühling machen den Reiz der Skihochtouren – also längeren Skitouren über Gletscher mit Gipfelaufstiegen zu Fuss und Steigeisen an den Füssen – aus.

respektiere-deine-grenzen.jpg

RespekTiere deine Grenzen!

Ski- und Schneeschuhtouren führen durch den Lebensraum von Wildtieren. Störungen bedeuten für sie lebensbedrohlicher Stress und Flucht. Durch vier einfache Verhaltensregeln minimieren Sie bei Ihrer nächsten Ski- oder Schneeschuhtour Ihren Einfluss auf Wildtiere.