Manchmal ist weniger mehr. Auch beim Skifahren. Klar,
St. Moritz, Zermatt, Crans Montana, … das hat was. Die
Tourenmöglichkeiten dort: faszinierend! Und doch liegt
ein eigener Zauber darin, ohne die Last grosser Erwartungen im
Rucksack loszuziehen und offen zu sein für die Überraschungen
vermeintlich unscheinbarer Ziele.
«Alles Naturschnee, kein Kunstschnee», bemerkt Skilehrer
Giacomo Ruffini fast beiläufig, als er im schon etwas klapprigen
Sessellift neben mir zur Alp de Confin hinaufzuckelt. Im
Rücken schrumpfen die Häuser von San Bernardino auf Modellbahngrösse.
Hoch über dem Dorf am Pass, das viele nur von der
Durchreise ins Tessin kennen, tun sich weite Hänge auf, umrahmt
von felsigen Graten. Die Namen der Gipfel klingen wie Musik: Piz
de Mucia (2967 m) und I Rodond (2829 m). Kaum eine Skispur ist
in dem tief verschneiten, welligen Gelände zu sehen. Nur ein paar
scheinbar ziellos trippelnde Fährten von Gämsen begleiten uns,
als wir von der Bergstation des Sessellifts mit Tourenski aufsteigen.
Denn gleich neben den Pisten lockt leicht zugängliches, nicht
besonders schwieriges Terrain zum Freeriden und Freetouring.
«Eigentlich müssten sich hier Tourengeher und Freerider
gegenseitig auf die Skispitzen treten», wundert sich Petra Rocham, die aus ihrer Heimat im Montafon und der benachbarten
Arlbergregion anderen Andrang gewohnt ist. «Ja, hier ist alles
noch ein bisschen anders», nickt Giacomo. Zusammen mit Freunden
hat er in San Bernardino eine Skischule eröffnet, seit vor drei
Jahren nach zehnjähriger Pause das Skigebiet Confin westlich
des Passes wieder in Betrieb ist. «Computergestützte, künstliche
Beschneiung? Gibt es hier nicht», sagt Giacomo.
Anders als anderswo
Und auch sonst ist manches anders als in anderen Skigebieten:
keine 300 Pistenkilometer, sondern 40. Keine beheizten Sessellifte
mit selbst öffnenden Bubbles, kein Walk of Fame auf den Sonnenterrassen
mit eitlem Sehen und Gesehenwerden. Kein Airstrip
für Privatjets, keine Privathelikopter. «Dabei verströmte San Bernardino
einst einen Hauch von St. Moritz», bemerkt Giacomo. Die
Mineralquelle «Aqua Forte» zog im 19. Jahrhundert wohlhabende
Kurgäste aus der Lombardei und aus dem Piemont an. 1829 liess
der Mailänder Kaufmann Paolo Battaglia einen eleganten Säulengang
über die Quelle setzen. Zwei Weltkriege und der Bau des
San-Bernardino-Tunnels aber degradierten den Höhenkurort zur
kaum noch beachteten Durchgangsstation mit leicht schäbiger Patina. Selbst der Skiboom der 1970er- und 1980er-Jahre war in
der Retrospektive für San Bernardino nur ein Strohfeuer. Ab 2012
standen die Confin-Lifte still.
Doch Totgesagte leben länger. Seit 2023 laufen die Confin-
Lifte wieder. Der Retter heisst Stefano Artioli, ein Unternehmer
aus dem Tessin. «Noch erinnert manches an die 1980er-Jahre
», bemerkt Giacomo, der mit Stirnband und Ray Ban Brille
selbst wie ein Relikt jener Zeit wirkt. Doch Artioli hat grosse Pläne.
Gekauft hat er nicht nur die Liftanlagen. Auch historische Gebäude
wie das altehrwürdige Brocco & Posta sind längst im Besitz
seines Unternehmens San Bernardino Swiss Alps. Innerhalb
von zehn Jahren soll ein modernes Ganzjahres-Mountain-Resort
entstehen, mit zeitgemässen Liften und Beschneiungsanlagen, einem
Wellness-Tempel bei der alten Mineralquelle sowie Hotels
und Appartements. 300 bis 500 Millionen Schweizer Franken will
Artioli dafür in die Hand nehmen.
Noch sucht man alpine Champagner- und Austern-Bars mit
bodentiefen Panoramafenstern vergebens. Oben am Berg wirkt
San Bernardino immer noch wie im Dornröschenschlaf. Vor der
Capanna Confin ziehen zwischen Holzbänken und Liegestühlen
die Duftwolken eines Holzkohlegrills über die Terrasse. Drinnen
wartet ein gemütlicher Mix aus Bündner Berghütte und skandinavischem
Wohnzimmer im Ikea-Style. Nur eine Handvoll anderer
Tourengeher ist nach dem Z‘mittag auf der Route zum Piz de Mucia
unterwegs. «Perfekt für Einsteiger und Geniesser», meint Giacomo.
Erst das letzte Stück unterhalb des felsigen Gipfelaufbaus
wird steiler. «Wer’s anspruchsvoller mag, geht noch ein Stück weiter rechts», deutet Giacomo auf einen Felsriegel hinter dem
Piz de Mucia. Das Zapporthorn (3152 m, Schwierigkeitsgrad ZS-),
zählt zu den Klassikern rund um den San-Bernardino-Pass.
Zwischen Aufbruch und Retro-Charme
Vor der Abfahrt drängt sich mit Blick ins Tal eine unbequeme Frage
auf: Lohnt es sich überhaupt noch, in Zeiten des Klimawandels
ein Skigebiet wiederzubeleben? Giacomo zuckt mit den Schultern.
«Ich weiss es nicht.» Sich über Nachhaltigkeit Gedanken zu
machen, gehört für Giacomo Ruffini zum Alltag. Im Hauptberuf
plant er Biogas- und Solaranlagen. «Eines steht fest», so Giacomo,
«wir können nicht mehr weitermachen wie in den 1980ern.»
Studien zeichnen ein klares Bild: Die schneesichere Zone wird
sich die kommenden Jahrzehnte weiter nach oben verschieben.
Möglicherweise höher als die 1600 Meter, auf denen San Bernardino
liegt. Giacomos Vorschlag: «Nicht das Gebiet vergrössern,
sondern bewahren, was da ist. Die Lifte erneuern, mit grüner
Energie.» Giacomo blickt in die Ferne, als würde er etwas suchen.
«Vielleicht», sagt er schliesslich, «liegt die Zukunft des Skifahrens
ohnehin dort, wo wir gerade unterwegs sind – im Backcountry,
abseits der Pisten und Bahnen.»
Für Tourengeher hat es also durchaus Vorteile, dass San
Bernardino noch ein wenig wirkt wie ein Relikt aus Skigebietsgründerzeiten.
Diese Ansicht teilt auch Bergführer Andrea Cari.
«Was die San-Bernardino-Region für Tourengeher und Freerider
so attraktiv macht, ist ihre Vielseitigkeit … », überlegt Andrea
abends bei der Besprechung für den nächsten Tourentag, «…und die Ruhe!» Andrea stammt aus einem Nachbartal südlich
des Passes. An guten Powdertagen ist er gerne am San Bernardino.
«Vor zwei Wochen kam ich mit einer Gruppe Amerikaner»,
erzählt er. «Es schneite kräftig. Ich sagte: Um halb zehn sind wir
im Gebiet. Sie riefen: Halb zehn, viel zu spät! Ich sagte: Bleibt
entspannt. Wir können trotzdem die ersten Lines in die Hänge
ziehen. Und so war es dann auch!» Andrea lacht. Auch für den
kommenden Tag ist er optimistisch.
Seelischer Rückzugsort – für wie lange noch?
Es hat schon einige Tage nicht mehr geschneit, und so fällt die
Wahl auf die Gipfel um die Alp d’Arbeola südwestlich des Passes.
An einem Tobel entlang zieht der erste Teil der Tour steil bergauf
durch den Bergwald. Der Märzschnee ist hier unten schwer
und feucht. Doch kaum ist die Waldgrenze erreicht, tut sich ein
imposanter Bergkessel auf. Mit jedem Höhenmeter bergauf wird
die Schneequalität besser. Kein Mensch weit und breit. Nur zwei
einsame Skispuren vom Vortag zeugen davon, dass es tatsächlich
noch andere Tourengeher gibt, die sich den Zustieg mit vielen
Spitzkehren angetan haben. Auf knapp 2400 Metern Höhe, auf der
Hochebene Pian Grand, ragen zwei dreieckige Selbstversorgerhütten
aus dem Schnee, halb eingeschneit. Sommerquartiere für
die Wanderer auf dem Sentiero Alpino Calanca. Vom Gipfelgrat
der Cima de la Bedoleta fällt der Blick nach Westen ins Val Calanca,
eines der ursprünglichsten Täler im südlichen Graubünden.
Plätze wie dieser sind für Andrea mehr als nur gute Skiberge.
«Eine Landschaft für die Seele», sagt er. Vor seinem Job
als Bergführer hat Andrea Psychologie und Psychotherapie studiert.
«Wir bräuchten mehr solcher Rückzugsorte aus unserer
überreizten Welt», überlegt Andrea. Dann löst er die Felle von
seinen Ski und macht sich fertig für die Abfahrt. Oben gehen sich
noch ein paar Pulverschwünge aus. Und nach einer Bewährungsprobe
in einer Bruchharschpassage wartet ein grandioses Firnfinale. «Es ist wichtig, die Region um den San-Bernardino-Pass bei
aller touristischen Entwicklung als Ort der Ruhe zu bewahren»,
sinniert Andrea während einer Verschnaufpause, bevor es im
steilen Tobel nochmal anstrengend wird.
San Bernardino ist kein klassisches Skigebiet, das man in
Pistenkilometern und Après-Bars misst. Es ist ein Ort, der zum
Erkunden einlädt. Bleibt die Frage, ob das Dorf neu erwachen
kann, ohne seinen Charme der Stille zu verlieren. Noch sind die
Berge um den Pass ein Refugium der Ruhe. Ob das so bleibt, werden
die nächsten Jahre zeigen.
Touren-Infos
Rund um den San-Bernardino-Pass liegt eines der spannendsten Tourenreviere im südlichen Graubünden. Vom hoch gelegenen Dorf (1608 m) starten viele Touren fast vor der Haustür. Für Freetouring-Abstecher bietet sich das Skigebiet Confin an. Das Gelände ist überwiegend hochalpin. Sanfte Rücken mit Touren für Einsteiger wechseln mit steilen Bergflanken für Könner. Dank Höhenlage und Nord- wie auch Südstau-Wetterlagen fallen häufig grosse Schneemengen.
Anreise
A13, Ausfahrt San Bernardino Dorf. Aus dem Norden über Chur/Hinterrhein, aus dem Süden über Bellinzona. Das Dorf liegt auf 1608 m.
Allgemeine Infos
sanbernardino-swissalps.com
Beste Jahreszeit
Januar bis April (Skigebiet geöffnet bis 6. April)
Bergführer
Mountain Dream Guide, Tel. +39 392 1437 667, mountaindreamguide.com
Literatur/Karten
SAC Skitourenführer, Walliser Alpen Ost; SAC Skitourenführer, Ticino – Mesolcina – Calanca; SAC Verlag
Swisstopo Schneesportkarte 267S San Bernardino, 1:50’000
Tourentipps
Piz de Mucia (2967 m)
Höhenmeter: 1350 hm rauf/1350 hm runter
Schwierigkeit: mittel bis schwer (ZS)
Kondition: mittel
Die Gipfelpyramide steht über dem Skigebiet Confin. Vom Skigebiet aus mit Liftunterstützung erreichbar, dann nur knapp 900 Höhenmeter. Bei P. 2085 am Fuss des Piz de Confin Richtung Alp Vigon queren und dann westlich zum Gipfel über weites, kupiertes Gelände. Schwierig wird die Route erst auf dem felsigen Schlussstück zum Gipfel.
Zapporthorn (3152 m)
Höhenmeter: 1540 hm rauf/1540 hm runter
Schwierigkeit: mittel (ZS-)
Kondition: mittel
Klassiker und Paradegipfel westlich des Passo del San Bernardino. Mit Ausnahme des finalen Gipfelanstiegs moderat steile Hänge. Für den Gipfel sind Steigeisen ratsam. Oben grossartiges 360-Grad-Panorama.
Piz Pian Grand (2689 m)
Höhenmeter: 1550 hm rauf/1550 hm runter
Schwierigkeit: leicht (WS)
Kondition: hoch
Imposante Felswände als Kulisse, welliges offenes Gelände und lichte Lärchenwälder. Die Tour in den Adula-Alpen nahe der Grenze Graubünden – Tessin ist ein einsames Highlight mit Ausblicken ins abgelegene Calancatal. Startpunkt: Spina.
Cima de la Bedoleta (2626 m)
Höhenmeter: 1460 hm rauf/1460 hm runter
Schwierigkeit: mittel (je nach Variante) (WS+)
Kondition: mittel
Wie die Tour zum Piz Pian Grand ist auch die Cima de la Bedoleta von Spina aus über die Alp d‘Arbeola erreichbar. Die Route ist etwas einfacher und direkter als am Piz Pian Grand. Ebenfalls tolle Panoramablicke auf die Bergketten östlich des San Bernardino und ins Val Calanca.
Einshorn (2943 m)
Höhenmeter: 1650 hm rauf/1650 hm runter
Schwierigkeit: mittel (ZS)
Kondition: hoch
Markanter Gipfel zwischen Hinterrhein und Passo del San Bernardino. Die Normalroute führt durch das Val Vignun. Am Ende der anspruchsvollen Tour wartet eine bis zu 45 Grad steile Gipfelflanke. Voraussetzung: Sichere Verhältnisse.