Boulderspass am Gotthardpass und die besten Boulderpässe der Schweiz
Bernard van Dierendonck, Dienstag, 07. April 2026
Der Gotthardpass ist ein wahres Paradies für Bouldenfans. Mit dem Postauto erreichst du bequem über 1200 Probleme in Sektoren wie Ecstasy oder Dark Side. Von einfachen Einsteigerlinien bis zum High-End-Boulder bietet der griffige Granit in dieser alpinen Kulisse für jedes Niveau die passende Herausforderung.
Stadt, Land, Flucht:
Céline, Isa und Fabian (v. l.)
am Zürcher Hauptbahnhof.
Wenn in den Tälern die Temperaturen gegen die 30 Grad steigen, schlägt die Stunde des Pässeboulderns. Also per Bahn in Richtung Gotthard, mit Bouldermatte und Bialetti im Gepäck – so wie es die Jugend heutzutage macht.
Die linke Hand packt kräftig die senkrechte Kante des Granitblocks. Ein Fuss presst auf Gegendruck das Letzte an Reibung aus einer kleinen Delle, während die rechte Hand den Körper an einem zuckerwürfelgrossen Quarz vor dem Ausdrehen bewahrt. Konzentriert schiebt sich Fabian höher. Das kleine Löchlein für die Fingerkuppen ist fast erreicht, dann plötzlich rutschen die Füsse weg und Fabian landet, von seiner Schwester Nora fachgerecht gespottet, auf der Bouldermatte.
«Savoir Faire» ist der Name des Boulderproblems und mit der Bewertung 5+ für unsere Bouldergruppe schon eine ziemliche Challenge. Vergleicht man die Boulderbewertung 5+, respektive 5c mit der Bewertung fürs Seilklettern, dann entspricht dies in etwa dem Schwierigkeitsgrad 6b+/6c, was dann schon mal ordentlich anspruchsvoll ist.
Per Bus zur Problemsuche
Für den Ausflug zum Boulderparadies auf dem Gotthardpass habe ich mich mit den Geschwistern Fabian und Nora Bächli, den beiden Kindern der Eigentümer von Bächli Bergsport, verabredet. Mit dabei sind auch Fabians Freundin Isa Dell’Ambrogio sowie Céline Morand, die Tochter des Bächli Bergsport Geschäftsführers. Während die Psychologiestudentin und Sekundarlehrerin Isa erst wenige Male klettern war und als ihre grosse Passion das Tanzen nennt, so verhält es sich bei den anderen drei ganz anders. Mit ihren Eltern waren sie früher gefühlt jede Ferienwoche am Klettern und verbrachten viele Wochenenden in der Kletterhalle. Céline und Fabian kletterten und trainierten zusätzlich noch in Jugendgruppen.
Doch wie so oft entdecken die Kinder von bergverrückten Eltern mit zunehmender Eigenständigkeit ganz andere Leidenschaften. So hat sich Medizinstudentin Nora dem Schwimmen verschrieben und trainiert für ihren ersten Triathlon. Fabian studiert Wirtschaftsinformatik, arbeitet bei Bächli Bergsport in Oerlikon Teilzeit in der Schuhabteilung und findet seine sportliche Challenge im Fitnessstudio, und Céline, derzeit im 4. Lehrjahr als Zeichnerin, Fachrichtung Architektur, verbringt ihre Freizeit am liebsten auf dem Surfbrett im Oberengadin.
Im neu herausgegebenen Führer «Gottardo Boulder» markieren wir mit Post-its die Sektoren mit der grössten Anzahl an einfachen Bouldern. Das 190 Seiten umfangreiche Buch beschreibt im Voralptal bei Göschenen, in der Schöllenenschlucht und am Gotthardpass zwischen Mätteli und der Passhöhe 1200 Boulderprobleme zwischen 2+ und 8c+. Wir entscheiden uns für die Sektoren Ecstasy, Scary Christmas und Dark Side. Diese befinden sich in angenehmer Wanderdistanz von der Postautohaltestelle «Passhöhe» entfernt und zählen mehr als 50 Probleme in unseren Schwierigkeiten. Das sollte für einen ausgefüllten Bouldertag und durchgekletterte Fingerkuppen locker reichen.
Wir wählen den Zustieg über einen Wanderweg, der möglichst weit weg von der stark befahrenen Passstrasse liegt. Dafür führt er an gigantischen Windrädern vorbei. Während der Passfahrt erklärte der Postautochauffeur, dass es am Gotthard einen Deal gäbe: Als landschaftsschützerische Kompensation zu den Windrädern würden, sobald die zweite Röhre durch den Gotthard gebaut sei, die bis anhin über den Pass führenden Hochspannungsleitungen in den Tunnel unter den Pannenstreifen verlegt und die alten Leitungen rückgebaut. Solange die Boulderblöcke dort bleiben, wo sie sind …
Wenn das Koffein kickt
Nach einer knappen halben Stunde tauchen die ersten Blöcke des Sektors Ecstasy auf. Fabian hat seine Prioritäten: Bevor Hand an den Fels gelegt wird, packt er Gaskocher, Bialetti und schön farbige Espressotassen aus dem kleinen Rucksack. Während der Kocher vor sich hin surrt, werden die Schuhe gewechselt, die Kletterlinien im Führer mit der Realität abgeglichen und die Bouldermatten unter den einfachsten Problemen ausgebreitet. Dann geht’s, durchs Koffein stimuliert, los und einer nach dem anderen wird abgehakt. Etwas ins Stocken gerät der Boulderflow bei der markanten Linie «Frizzi et lazzi». Mithilfe der Boulderkante und einem Riss ist dieses Problem zu lösen. Nora, Céline und Isa pushen sich gegenseitig Zug um Zug in Richtung Ausstieg.
Links: Isa in der Crux von «Ferner Wolle». Rechts: Nora am markanten Riss von «Frizzi e lazzi».
Fabian startet unterdessen direkt nebenan den nächsten Versuch in «Savoir Faire». Es ist faszinierend, wie schnell sich die Bewegungen dem Felsen anpassen. Anfangs schier unmöglich erscheinende Kletterzüge gelingen plötzlich wie von selbst. So erreicht Fabian nun das kleine Fingerkuppenlöchlein ruhig und sicher. Gezielt schnappt seine linke Hand an der Kante weiter hoch, den rechten Fuss stellt er präzise auf den Einstiegsquarz und sicher erreicht die rechte Hand den Ausstiegsgriff.
Tüfteln, motivieren, spotten, ausruhen und schwatzen – dieser erste Felsblock beschäftigt uns eine gute Stunde lang. Jede Klettervariante, zwischen 3a und 6b wird probiert und fast immer durchstiegen. Dann ist Zeit für einen Sektorenwechsel.
Wir übertragen die GPS-Daten des nächsten Sektors Scary Christmas vom Führer in die App von Swisstopo und wandern los, vorbei an munter plätschernden Bächlein und Stauden voller Heidelbeeren. Ehrfürchtig bleiben wir unter einem sechs Meter hohen Block stehen. Durch seine schier grifflose, leicht überhängende Nordwestseite windet sich einer der ganz schwierigen Gotthardboulder: «Kingda Ka», Schwierigkeit 8b. Für uns unvorstellbar, wie man so etwas klettern kann!
Fabian
putzt die winzigen Griffe
von «Lupo Lupone» im Sektor
Scary Christmas.
Tanz in der Vertikalen
Eine Viertelstunde bergauf, und wieder ist eine Kaffeerunde angesagt. Vor uns eine rund vier Meter hohe, fast glatte, leicht geneigte Wand. Hier wird sich zeigen, ob wir uns an die sagenhafte Reibung des Urner Granits gewöhnt haben. Das Ziel ist «Lupo Lupone». Der Boulder im fünften Grad ist im Führer mit einem Diamanten für «sehr lohnend» versehen. Dank seiner Körpergrösse knackt Fabian den Boulder als Erster. Céline sucht ein paar Versuche lang das Gleichgewicht auf den fast unsichtbaren, winzigen Quärzchen und Leistchen, bis plötzlich alles stimmt und sie einen halben Meter unter der Boulderkante eine Leiste auf Seitenzug erwischt. Noch einmal setzt sie die Füsse elegant auf winzige Reibungstritte und «Lupo Lupone» ist geschafft. Céline strahlt und denkt laut darüber nach, ob sie in Zukunft nicht wieder vermehrt die Kletterfinken gegen das Surfbrett tauschen sollte.
Beflügelt: Céline
entschlüsselt das
«Unicorno».
Auch Nora und Isa arbeiten sich abwechslungsweise Trittchen um Trittchen höher. Sie ziehen die Kletterschuhe noch etwas enger und feuern sich gegenseitig an. Die Haut an den Fingerkuppen wird dünner, der Wille stärker. Isa überträgt ihre Tanzkünste auf die Reibungstritte und Nora profitiert von ihrer Klettervergangenheit, setzt exakt die Füsse, packt den obersten Seitengriff – doch dann, trotz guter Reibung, rutscht ein Fuss weg. Sie landet unglücklich auf der Kante der Bouldermatte und verknackst sich dabei den Fuss. Ein kurzer Test, das Laufen geht, der Triathlon ist nicht in Gefahr. Die beiden Frauen schauen grimmig zum Boulder: «So einfach kriegst du uns nicht – wir kommen wieder.» Scherzend überlegen sie sich, ob sie den Boulder fürs Training in einer Kletterhalle nachbauen sollen.
Einen kurzen Blick auf die Uhr: Kaffee oder Boulder? Fabian entscheidet sich für Letzteres. Noch einmal werden die Matten geschultert und zum Block Dark Side getragen. Ein perfekter handbreiter Riss an einem freistehenden Block lockt, er sollte gerade noch zu schaffen sein, bevor das Postauto uns wieder in die Sommerhitze des Unterlandes bringt.
Der imposante Block im Sektor Ecstasy, mit Problemen zwischen 6b und 8b, bekommt vielleicht beim nächsten Mal einen Besuch.
Die besten Boulderpässe der Schweiz
Vielleicht wissen wir es noch aus dem Geographieunterricht: Pro 100 Meter Höhe nimmt die Temperatur (je nach Luftfeuchtigkeit) 0.65 – 1 Grad Celsius ab. Das heisst, wenn es unten im Tal schwitzige 30 Grad heiss ist, dann erwarten uns auf den meist über 2000 Meter hohen Pässen nicht nur ein kühlender Passwind, sondern auch geeignete Klettertemperaturen.
Also nichts wie hoch auf die Schweizer Boulderpässe! Die meisten sind gemütlich und umweltfreundlich mit dem ÖV erreichbar.
Lagalp am Berninapass, 2100 m Ein kleines, familienfreundliches Gebiet für Einsteiger:innen. Die 13 Boulder im Dolomitfels liegen unterhalb des Klettergartens Piz Alv auf einer Wiese verstreut. Die Blöcke sind mehrheitlich steil, sehr griffig (Löcher und Leisten) und die meisten Probleme darum in den unteren Schwierigkeiten. Überwiegend gutes Absprunggelände. Topo: App von Bimano (kostenpflichtig).
Zufahrt ö.V.: Mit dem Zug (alle 30 Minuten) bis Haltestelle Bernina Diavolezza. Von hier zehn Minuten zu Fuss.
San Bernardino, 2066m In der App von Bimano wird dieser bis anhin recht unbekannte Boulderpass in den höchsten Tönen gelobt - von sensationell ist sogar die Rede. Oft klettert man nicht an Blöcken, sondern an kleinen Wändchen, von leicht geneigt bis überhängend. Die App beschreibt 150 Boulder in einem eher ungewöhnlichen Gneis, zwischen 3 und 7c. Es gäbe noch viel Potential für neue Probleme. Topo: App von Bimano (kostenpflichtig).
Zufahrt mit ö.V.: Fast stündlich fährt ein Postauto auf den Pass bis zur Haltestelle San Bernardino Ospizio.
Sustenpass Sustenbrüggli, 1900 m Der wohl bekannteste aller Boulderpässe ist der Sustenpass. Auf der Urnerseite locken an 50 Blöcken rund 300 Probleme von 3 bis 8c im herrlichen Gneis. Die Blöcke liegen verstreut in einem alpinen Talkessel mitsamt wildem Bergbach.
Topo: Zum Beispiel Swiss Block °1 oder die App von Bimano (kostenpflichtig). Zufahrt ö.V.: Nur wenige Postautoverbindungen pro Tag ab Göschenen, respektive Meiringen.
Sustenpass Steingletscher, 1863 m und 2050 m Auch auf der Berner Seite des Sustenpasses gibt es Probleme im wunderbaren Gneis. Direkt hinter dem Hotel Steingletscher löst man diese an acht Blöcken im Grad 4 bis 7c+.
Eher für Topkletter:innen sind die Gneisblöcke von Steinalpe. Man findet sie in einem wilden Geröllfeld oberhalb des Steinsees. Die meisten erschlossenen Boulder bewegen sich im siebten Bouldergrad und das Absprunggelände ist nicht immer ideal.
Topo: Zum Beispiel Swiss Block °1 oder die App von Bimano (kostenpflichtig).
Zufahrt ö.V.: Nur wenige Postautoverbindungen pro Tag ab Göschenen, respektive Meiringen.
Über Kletterschuhe könnte man stundenlang philosophieren – allein schon, weil es mittlerweile Hunderte Modelle gibt. Mit unserem Grundwissen von Asymmetrie bis Zwischensohle treffen Sie die richtige Wahl.
Tourentipp: Bouldern auf der Engstligenalp
Das Bouldergebiet «Luegli» ist neben der Engstligenalp das zweite grosse Bouldergebiet bei Adelboden. Etwas versteckt liegen die Blöcke unterhalb des kleinen Passes, welcher «Luegli» genannt wird. In einer herrlichen Alplandschaft liegen die Blöcke beim Sektor «City» relativ kleinräumig. Hier ist bisher erst ein Bruchteil erschlossen - bei einigen Blöcken stellt sich die Frage: Expo oder einbohren? Schön wäre es eigentlich, wenn auch in Zukunft in diesem einmaligen Stückchen Natur keine Bohrhaken blinken würden...
Verletzungsprävention beim Klettern
Verletzungen gehören leider zum Sport dazu. Doch was sollte man tun, wenn es dazu kommt? Vor einigen Monaten habe ich mir beim Klettern die Schulter verletzt. Wie es dazu kam und und wie man das Verletzungsrisiko beim Klettern reduzieren kann, möchte ich in diesem Beitrag teilen.
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Brione für Einsteiger: Die schönsten Boulder bis 7A
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An den Block, fertig, los – Bouldertipps für Anfänger (und Wiedereinsteiger)
Wo die einen nur graue Steinbrocken sehen, sehen andere einen grossen Spielplatz – Boulder in der freien Natur kommen in allen Grössen und Formen vor und sehen oft erstmal unspektakulär aus. Was die Faszination dieser Sportart ausmacht, wie man am besten beginnt und welche Gebiete sich ideal für Anfänger wie auch Fortgeschrittene eignen, zeigen wir dir in diesem Blogbeitrag.