Tönt das irgendwie bekannt? Man würde gern mit Freunden ein paar Tage in den Bergen unterwegs sein, aber die Gruppe ist so heterogen, dass es schwierig wird, sich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen. Bei den einen ist ab T4 Schluss, für die anderen wird es da erst interessant – und unterwegs aus- oder einzusteigen wäre auch noch gut, weil Einzelne gar nicht so viel Zeit haben.
Wie man all diese unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bringt? Zum Beispiel auf einer Wanderwoche von Graubünden ins Tessin, bei der man klassisch von Hütte zu Hütte wechselt, diese aber auf verschiedenen Routen erreicht. Mit täglich wechselnder Gruppenformation, weil manche an einem Tag Lust auf Action und am anderen mehr auf Chillen haben.
Startpunkt ist der Oberalppass mit seinem unübersehbaren Signal, dem «Leuchtturm Rheinquelle», der seit 2010 auf der Passhöhe steht – ein Nachbau des Leuchtturms an der Rheinmündung bei Rotterdam, der auf den Ursprung des Rheins im nahen Lai da Tuma verweist.
Am Oberalppass grüsst
der «Leuchtturm Rheinquelle»
Erstes Ziel ist die Camona da Maighels. Auf direktem Hüttenweg ist sie in gut eineinhalb Stunden erwandert, die sich angesichts des Blumenreichtums allerdings auch etwas in die Länge ziehen können. Wer ehrgeiziger ist, verlängert den Anstieg um eine Stunde und schaut unterwegs beim Lai da Tuma (Titelbild) vorbei – in der Quelle des Rheins schwimmt man schliesslich nicht alle Tage, auch wenn die Wassertemperatur äusserst erfrischend ist.
Sonnenbaden und Schneetreiben
Am nächsten Morgen wabern Nebelschwaden um die Gipfel und Seen. Der Weg zur Capanna Cadlimo folgt dem Val Maighels südwärts durch Wollgraswiesen zur Schlucht Piogn Crap, wo sich der Rein da Maighels so schmal und tief in den Fels eingeschnitten hat, dass man ihn mit einem Schritt überspannen kann. Dann geht es, mit Blick auf die Reste des Glatscher da Maighels und vorbei an weiteren Seen, in gemächlicher Steigung hinauf zum Passo Bornengo. Dort trennen sich unsere Wege bereits wieder: Während ein Dreiergrüppchen direkt zur Capanna Cadlimo wandert und sich dabei einen steilen Abstieg vom Pass und 150 Meter Gegenanstieg einhandelt, entscheiden sich zwei Unentwegte ab dem Pass für die Traverse über den Grat zu P. 2872, über den man von oben her die Hütte erreicht.
Der Gratweg vom Passo
Bornengo zur Capanna Cadlimo
wartet mit abwechslungsreicher
Blockkletterei auf.
Der durchgehend weiss-blau-weiss markierte und mit T5 bewertete Weg ist schmal, aber immer gut erkennbar und an allen Kletterpassagen oder ausgesetzten Stellen mit Ketten versichert. Inzwischen zeigt sich immer mehr die Sonne, auf der Terrasse der Capanna Cadlimo, fast 2600 Meter hoch gelegen, warten Kaffee und Kuchen und Liegestühle. Mit dem Lago di Dentro gut 50 Meter unterhalb der Hütte findet sich zum Abschluss des Tages sogar noch ein eisfreies Badegewässer, an dessen Ufer sich erst noch ein wenig sonnenbaden lässt – eine Gelegenheit, die angesichts des angekündigten Wetterumschwungs nicht ausgelassen werden darf.
Leider erweist sich die Prognose als treffsicher. Der nächtliche Regen geht bald in Schnee über, und am nächsten Morgen liegen fünf Zentimeter nasser Neuschnee. Damit ist die Variante für den Übergang zur Capanna Cadagno über die Bocchetta della Miniera gestorben. Die Route ist zwar nicht schwieriger als T3+, aber oft undeutlich und im Neuschnee nicht leicht zu finden; die Hüttenwartin rät uns vehement davon ab. So ziehen wir für einmal alle zusammen los zur Bassa del Lago Scuro.
Überraschung am dritten
Tag: Den Weg zur Bassa del
Lago Scuro suchen wir durch
eine Schwarz-Weiss-Landschaft mit ständig wechselnder Lichtstimmung.
Im Nachhinein ein Glücksfall: Im Abstieg hinunter ins Val Piora peitschen uns zwar zunächst Schneeflocken waagerecht ins Gesicht, doch die Sonne lässt sich nicht unterkriegen und zaubert wilde Stimmungen samt Regenbogen in die Landschaft. Auf und neben dem Weg entdecken wir Felsblöcke mit wunderlichen Versteinerungen, und die Vielfalt der Alpenblumen nimmt immer weiter zu, je tiefer wir kommen. Am Lago di Tom mit seinem Sandstrand am Westufer zieht es diesmal sogar mehrere ins Wasser, bevor es zuletzt zur Capanna Cadagno geht.
Gneis und Dolomit
Die Küche der Capanna
Cadagno geniesst einen so
guten Ruf, dass Einheimische
zum Abendessen heraufkommen.
Die modern renovierte Hütte, die für ihre gute Küche bekannt ist, beherbergt nicht nur Wanderer, sondern auch eine Exkursionsgruppe von Geologen. Eine der Wissenschaftlerinnen klärt uns auf: Bei den Felsblöcken handle es sich mitnichten um versteinerte Seeigelstacheln, sondern um Hornblende, ein metamorphes Gestein, das sternförmig oder als Garben angeordnete schwarze Amphibolnadeln aufweist. Im Val Piora träfen die graue St.-Gotthard-Decke mit der weissen Piora-Zone aus Dolomit zusammen; auf diese vielen verschiedenen Lebensräume und die Feuchtgebiete sei die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren zurückzuführen.
Kein Wunder also, dass hier alle Ansprüche unserer gut gemischten Bergwandergruppe befriedigt werden. Auch für Biologen, Geologen und sogar Limnologen ist die Region interessant, weist doch der Lago di Cadagno eine Besonderheit auf: Er ist ein meromiktischer See, seine Schichten durchmischen sich also nicht; dadurch konnte ein einzigartiges Ökosystem entstehen. Unweit der Capanna Cadlimo liegt das Forschungszentrum Centro Biologia Alpina der Universitäten Genf, Zürich und Lugano. Damit erklärt sich auch die Plattform, die wir kurz vor der Hütte auf dem See erspäht haben; sie dient der Probenentnahme.
Hornblende-Garbenschiefer mit
Granat-Einschlüssen
Während die Geniesser hier einen Ruhetag einlegen, holen die Ehrgeizigen die Etappe über die Bocchetta della Miniera nach und kehren über den Passo dell’Uomo zur Cadlimohütte zurück. Für ein Bad im schön gelegenen Lago di Dentro (ein Namensvetter des Sees unterhalb der Capanna Cadlimo) oder im noch höheren Laghetto della
Miniera ist es zwar zu kalt, aber dafür gibt es abends eine Erfrischung im Bach Murinascia Grande, der sich eine tiefe Schlucht in den Dolomit gegraben hat – und danach einen ausführlichen Apéro auf der Sonnenterrasse.
Auch der nächste Tag führt uns zunächst an der Murinascia Grande entlang und dann zum Passo del Sole. Zwei von uns zieht es an die weissen Dolomittürme des Pizzo Columbe, im Dialekt des Valle di Blenio Campanitt, Glockenturm. Unter T5 ist er über die Südflanke nicht zu haben und erfordert grasige Kraxelei, weder das Gelände noch die Wegfindung ist profan, aber das macht die Sache spannend – und am Gipfel reicht das Panorama von den Berner Alpen im Westen bis zum Rheinwaldhorn im Osten.
Wer sich in weglosem, nicht
immer zuverlässigem T5-Gelände wohlfühlt, kann von den Dolomittürmen des Campanitt das
Rheinwaldhorn bewundern.
Nach dieser Zugabe treffen wir uns wieder an der Abzweigung zum Passo Predèlp, der nochmals 250 anstrengende Höhenmeter bergauf verlangt. Auf der Passhöhe, erstmals direkt über der Leventina, ist eine Stärkung angesagt vor dem Abstieg zur idyllisch auf einer Waldlichtung gelegenen Capanna Prodör. Dass wir das Bündnerland schon lange (am Passo Bornengo) hinter uns gelassen haben, lässt sich auch an den Hütten ablesen: Auf Tessiner Boden geht alles etwas lockerer zu und her. Und wir sind, bei Polenta mit Käse, die einzigen Gäste – seit dem Val Piora scheint ausser uns niemand mehr unterwegs zu sein.
Wild und einsam
Am nächsten Morgen trennen wir uns gleich beim Start: Die einen bleiben in der Waldzone und erreichen über Carì Dentro, Madarloi, Alpe Nara und Bassa Nara die Capanna Piandios, die anderen steigen zunächst zum Rifugio Gana Rossa auf. Die sympathische Selbstversorgerhütte wäre einen Besuch über Nacht wert, doch heute geht es weiter auf die Sella di Ör Languosa und von dort nach Südosten, wo eine Wegspur über den Grat führt.
Aus seinem Geröllkessel funkelt uns der Lago di Motella allerdings so überzeugend entgegen, dass wir nicht widerstehen können und die 200 Höhenmeter Ab- und Wiederaufstieg in Kauf nehmen, um in das herrlich grünblaue Wasser einzutauchen. Beim Gegenaufstieg nehmen wir noch den Gipfel des Pizzo Bareta mit – wegloses Blockgelände, T4. Ebenfalls weglos erreichen wir wieder die Pfadspur auf der Nordseite des Kammes und schliesslich den Passo Bareta. Dort biegen wir nach rechts ab und stellen fest, dass sich der Abstieg zur Hütte ganz schön zieht – vielleicht vertragen sich Schwimmen und Wandern doch nicht so gut?
Auch auf der Capanna Piandios sind wir, inzwischen zu acht, die einzigen Gäste. Über den nicht ganz so komfortablen Schlafraum tröstet das, was aus der Küche kommt, mehr als hinweg: zum Znacht mit Mangold und Käse gefüllte Teigtaschen, am Morgen frisch gebackener Zopf. So sind wir gut gerüstet für die vorletzte Etappe zur Capanna Pian d’Alpe, entweder über Garina und Sosto auf mittlerer Höhe oder hinauf zur Bassa di Nara und dem gesamten Grat nach Südosten folgend, immer Richtung Biasca.
Kurz nach der Bassa di Nara,
links das Valle di Blenio,
rechts die Leventina: Bis zum
Matro liegt ein ganzer Tag am
Grat vor uns.
Diese achtstündige T4-Route über Motto Crostel, Pizzo Alto, Pizzo Erra und Cogn bis zum Matro stellt sich als der Höhepunkt unserer an Eindrücken ohnehin schon reichen Woche heraus – in völliger Einsamkeit am wolkenumspielten Grat, stellenweise luftig, im mittleren Teil die Wegfindung nicht ohne, durch abwechslungsreiches Gelände und mit immer neuen Ausblicken ins Valle di Blenio und in die Leventina.
Vor allem aber vollbringt dieser Grat Ungeahntes: Er fordert auch die Alpinwanderer der Gruppe derart, dass sie am letzten Tag gern auf die 1450 Höhenmeter Abstieg von der Capanna Pian d’Alpe nach Biasca verzichten. Keine Trennung beim Start, geschlossen und vereint steigt die ganze Gruppe nach Sobrio ab; zum Cappuccino und zum Postauto nach Lavorgo. Die gemeinsame Tourenwoche als grosser Gleichmacher.
Zeitraum:
Angesichts der Höhenlage zwischen Juli und September empfehlenswert.
Ausrüstung:
Wanderausrüstung mit stabilen, über den Knöchel reichenden Wanderschuhen und ausreichend Wetter- und Sonnenschutz. Für die Varianten ist auf eine ausreichend steife Sohle für wegloses Gelände zu achten. Wanderstöcke sind hilfreich. Für Bergseeschwimmer Badekleidung!
Falls die Capanna Pian d’Alpe unbewirtschaftet ist, wird Verpflegung für Abendessen und Frühstück benötigt.
Anreise:
Mit der Bahn über Disentis/Mustér oder Andermatt zum Oberalppass.
Abreise:
Ab Sobrio mit dem Postauto nach Lavorgo und mit der Bahn nach Arth-Goldau bzw. Zürich. Ab Biasca von der Bushaltestelle Pollegio, Pasquerio mit dem Bus 120 zum Bahnhof Biasca und von dort mit der Bahn nach Arth-Goldau bzw. Zürich.
Unterkünfte:
- Camona da Maighels SAC, 2313 m, www.maighelshuette.ch, 081 949 15 51
- Capanna Cadlimo SAC, 2569 m, www.cadlimo.ch, 091 869 18 33
- Capanna Cadagno SAT, 1987 m, www.capannacadagno.ch, 091 868 13 23
- Capanna Prodör UTOE, 1746 m, https://www.capanneti.ch/de/huetten/prodoer, 077 465 67 14
- Capanna Piandios (Sci Club Crap), 1868 m, https://www.capanneti.ch/de/huetten/piandios, 079 410 52 96
- Capanna Pian d’Alpe UTOE, 1764 m, https://www.capanneti.ch/de/huetten/pian-dalpe, 091 864 25 25.
Die Hütte war im Sommer 2025 unbewartet; in diesem Fall müssen Esswaren für Abendessen und Frühstück mitgebracht werden. Die Küche ist gut ausgestattet.
🥾 Routenübersicht: Von Graubünden ins Tessin
Tag 1
Standard:
Oberalppass–Camona da Maighels: T2, 1,5 Std.
Variante:
Oberalppass–Lai da Tuma–Camona da Maighels: T2, 2,5 Std.
Tag 2
Standard:
Camona da Maighels–Passo Bornengo–Capanna Cadlimo: T3, 3,5 Std.
Variante:
Camona da Maighels–Passo Bornengo–P. 2872–Capanna Cadlimo: T5, 4 Std.
Tag 3
Standard:
Capanna Cadlimo–Bassa del Lago Scura–Capanna Cadagno: T2, 3,5 Std.
Variante:
Capanna Cadlimo–Stabbio di Mezzo–Bocchetta della Miniera–Capanna Cadagno: T3+, 4 Std.
Tag 4
Standard:
Capanna Cadagno–Passo del Sole–Passo Predèlp–Capanna Prodör: T2, 5 Std.
Variante:
Capanna Cadagno–Passo del Sole–Campanitt–Passo Predèlp–Capanna Prodör: T5, 6,5 Std.
Tag 5
Standard:
Capanna Prodör–Carì Dentro–Madarloi–Alpe Nara–Bassa Nara–Capanna Piandios: T2, 5 Std.
Variante:
Capanna Prodör–Rifugio Gana Rossa– Sella di Ör Languosa–Pizzo Bareta–Passo Bareta–Capanna Piandios: T4, 7 Std.
Tag 6
Standard:
Capanna Piandios–Garina–Sosto–Capanna Pian d’Alpe: T2, 6 Std.
Variante:
Capanna Piandios–Motto Crostel–Pizzo Alto–Pizzo Erra–Cogn–Matro–Capanna Pian d’Alpe: T4, 8 Std.
Tag 7
Standard:
Capanna Pian d’Alpe–Bassa dei Cantói–Cascine–Sobrio: T2, 2 Std.
Variante:
Capanna Pian d’Alpe–Mürisc–Pizzo Forca–In Gremiröi–Pasquerio–Biasca: T3, 4 Std.